HAM: Über 200 Neonazis demonstrierten am “Tag der deutschen Einheit“

Posted on 7. Oktober 2014 von


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Aufmarsch in Hamm (Foto-Copyright: MB)

HAMM – Knapp über 200 Neonazis versammelten sich am vergangenen Freitag, dem 3. Oktober, im Hammer Norden, um “für nationale Selbstbestimmung” zu demonstrieren. Angemeldet wurde die Demonstration von Sascha Krolzig für die Partei “Die Rechte”. Bereits vor ihrem Verbot versuchte die “Kameradschaft Hamm“ um Krolzig ab 2010, eine jährliche Demonstration im Oktober als weiteren Termin im Demonstrationskalender der nordrhein-westfälischen Neonazi-Szene zu etablieren. Demonstrierte man damals noch “gegen den Volkstod” (nrwrex berichtete), standen dieses Jahr vor allem großdeutsche Fantasien und die aktuelle weltpolitische Lage auf der Tagesordnung. Auf Transparenten zeigten die Neonazis unter anderem ihre Ablehnung der Europäischen Union und ihre Trauer um die Gebiete jenseits von Oder und Neiße. „Der Anschluss der DDR an die BRD war und ist keine Wiedervereinigung Deutschlands“, hieß es passend zum “Tag der deutschen Einheit“ auf einem Transparent von “Die Rechte Rhein-Erft“.

Revanchismus und Antisemitismus

In diversen Reden wurde ähnlichen Themen nachgegangen. “Die Rechte”-Gründer Christian Worch erzählte von Ausflügen nach Ostdeutschland, die er zusammen mit Michael Kühnen kurz nach dem Mauerfall unternommen habe – und über die Horden an kahlrasierten “Sieg Heil” rufenden jungen Männern, denen sie dort begegnet seien. Worch schaffte es insgesamt sieben Mal die eigentlich strafbewehrte Parole “Sieg Heil” in seiner Rede als Zitat zu erwähnen – offenbar ohne strafrechtliche Konsequenzen.

Der niedersächsiche Neonazi-Kader Dieter Riefling echauffierte sich in seiner antisemitisch konnotierten Rede vor allem darüber, dass die “BRD-GmbH” unter der Knechtschaft des “gelben Sterns” stehe und keine souveräne Nation sei. Mit den Grenzen der zu schaffenden souveränen Nation und dem zugehörigen Zitat aus dem “Deutschlandlied” schien er allerdings leicht durcheinander zu kommen: So forderte er, Deutschland müsse vom Rhein bis an die Memel und vom Etsch bis an den Belt reichen – womit der Kölner Dom fortan in Frankreich oder Belgien stünde.

Weitere Redebeiträge hielten Sascha Krolzig, Matthias Drewer (Wuppertal), Matthias Deyda (Dortmund) und Sven Skoda (Düsseldorf). Außerdem sprachen der Hamburger Thomas „Steiner“ Wulff sowie Philipp Hasselbach. Letzterer steht dem am 20. April diesen Jahres gegründeten Kreisverband München von „Die Rechte“ vor. Hasselbach hat einen guten Draht zu den Hammer Organisatoren der Demo, da er vor seinem Umzug nach Bayern in der Essener “Kameradschaft Josef Terboven“ und im “Kampfbund Deutscher Sozialisten“ (KDS) tätig war, dem auch Krolzig angehörte.

Selbstgebastelte Standarte führte den Aufmarsch an

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Die „Standarte“ führt den Marsch an (Foto-Copyright: MB)

Bereits vor Beginn der Demonstration mussten mehrere Neonazis nach Aufforderung der Polizei verschiedene Tätowierungen abkleben. Das Rufen von Parolen wie “Deutschland den Deutschen – Ausländer raus” und ein Verhalten, das “dazu geeignet ist, Anwohner einzuschüchtern”, wurde per Auflage von der Polizei untersagt. Vor allem das Verbot mehrerer beliebter Parolen schien sich auf die Stimmung in der Versammlung auszuwirken. Ebenfalls abgeklebt werden musste ein Teil der neuen “Standarte” der Hammer Neonazis, auf dem der Schriftzug “Damals wie heute – wir sind das Volk” angebracht war. Auch ein “goldener Adler” musste auf Anordnung der Polizei abgenommen werden. Zumindest nach diesen Veränderungen wirkte die “Standarte” nunmehr eher wie eine LKW-Plane mit angenähten Bommeln denn als das Abzeichen einer Nazi-Organisation. Das skurril wirkende Objekt ist eine Reminiszenz an die Zeiten der „Kameradschaft Hamm“, die bis zu ihrem Verbot ebenfalls über eine Standarte verfügte.

Blockadeversuch, Proteste und Gewaltphantasien

Am Vormittag versuchten rund 200 AntifaschistInnen mit drei kleineren Blockaden im Bahnhof die Anreise der Neonazis zu behindern. Die Polizei löste die Blockaden mit Gewalt auf. Im Anschluss demonstrierten nach Polizeiangaben über 700 Menschen in einem bunten Demonstrationszug des „Haekelclub590“ gegen den Neonazi-Aufmarsch. Obwohl es an zwei Stellen Hör- und Sichtkontakt gab, blieben die beiden Demonstrationen stets durch Bahngleise getrennt. Der Aufmarsch der Neonazis fand in einem schwer zugänglichen Gebiet statt, das die Neonazis über eine schmale Fußgängerbrücke vom Hauptbahnhof aus erreichen konnten. Dennoch sahen sie sich immer wieder vereinzelten Protesten, Buh-Rufen und Beleidigungen durch AnwohnerInnen ausgesetzt. Auf Facebook forderten SympathisantInnen von „Die Rechte Hamm“ daraufhin mit einem „MG 43“ gegen die protestierenden AnwohnerInnen „mit Migrationshintergrund“ vorzugehen. Zu Gewalt war es bereits im Vorfeld des Aufmarsches gekommen: Bislang unbekannte TäterInnen hatten mit einem Pflasterstein eine Scheibe des Wohnhauses von zwei Mitgliedern des antifaschistischen Jugendbündnisses „Haekelcub590“ eingeworfen.

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