MI: Geschichtsrevisionismus beim „Tag der Heimat“ des BdV

Posted on 6. September 2012 von


ESPELKAMP (KREIS MINDEN-LÜBBECKE) – Beim diesjährigen „Tag der Heimat“ des „Bundes der Vertriebenen“ (BdV) in Espelkamp hat der Hauptredner Karl-Heinz Kuhlmann Polen eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg zugeschrieben. In einem Bericht der Lokalpresse über die Veranstaltung heißt es, der Pfarrer im Ruhestand Kuhlmann habe in seine Rede „einen historischen Exkurs zur Vorgeschichte des zweiten Weltkriegs“ eingeflochten. Dabei habe er geäußert, in Polen habe es „starke Bestrebungen gegeben …, die einen Krieg befürwortet und sich ‚Gebietsgewinne‘ davon versprochen hätten“. Das „Westfalen-Blatt“ zitiert ihn wörtlich: „Die polnische Regierung trägt eine Mitverantwortung“ für den Kriegsbeginn am 1. September 1939.

Ansichten vorher bekannt

Kuhlmann konnte beim BdV auftreten, obwohl seine geschichtsrevisionistischen Ansichten schon Wochen vor dem „Tag der Heimat“ nicht nur allgemein bekannt, sondern auch Gegenstand heftiger öffentlicher Kritik waren. Örtliche Initiativen und Berichte in der Lokalpresse hatten mehrfach darauf hingewiesen, dass Kuhlmann Anfang 2011 als Referent beim ultrarechten „Institut für Staatspolitik“ aufgetreten war. Politikwissenschaftler sehen das Institut in der Tradition der sogenannten Konservativen Revolution, einer Strömung aus der Zeit der Weimarer Republik, die in der Geschichtswissenschaft als „Wegbereiterin des Nationalsozialismus“ eingestuft wird. Kuhlmann hat zudem mehrfach in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ publiziert, die einem ähnlichen Milieu zuzurechnen ist. In der Auseinandersetzung um Kuhlmanns geplanten Auftritt beim BdV war schon im August darauf hingewiesen worden, dass der vorab angekündigte Redner in einem Leserbrief an die „Junge Freiheit“ geschrieben hatte, der deutsche Überfall auf Polen sei vor allem deswegen zum Zweiten Weltkrieg geworden, weil „Großbritannien und Frankreich ihre Weltmachtrolle in Gefahr“ gesehen hätten. „Mit dem Vorspiel der Ereignisse um Danzig“ habe sich ihnen eine „Gelegenheit“ geboten, „den Konkurrenten Deutschland in die Schranken zu weisen“.

„Polnische Kriegs- bzw. Präventivkriegspläne gegen Deutschland“

Kuhlmann, von dem im „Westfalen-Blatt“ berichtet wird, er habe seine CDU-Mitgliedschaft aus Protest dagegen niedergelegt, dass im Bundesland Niedersachsen „eine Muslimin zur Ministerin“ ernannt worden sei, hat sich schon zuvor in der „Jungen Freiheit“ über eine angebliche Mitschuld Polens am Zweiten Weltkrieg geäußert. In dem Land hätten „zahlreiche politische und gesellschaftliche Kreise“ vor Kriegsbeginn die Auffassung vertreten, „daß Polen durch den Versailler Vertrag auch territorial gegenüber Deutschland noch nicht ausreichend saturiert worden“ sei. Daraus seien „polnische Kriegs- bzw. Präventivkriegspläne gegen Deutschland“ entstanden. In diesen Planungen, die der polnische Generalstab entwickelt habe, seien „auch polnische Gebietsgewinne im Westen einkalkuliert“ worden – „wenn möglich bis vor Berlin oder noch weiter bis ins Wendland“. Eine polnische Teilmobilmachung vom Frühjahr 1939 komme deshalb „wohl einer Drohung“ gleich. Daher sei es „historisch falsch“, Deutschland als „den alleinigen Verursacher“ des Zweiten Weltkriegs zu betrachten.

In bester Gesellschaft

Dass dem BdV in Espelkamp der zitierte Text bekannt gewesen ist, ist nicht unwahrscheinlich: Ein Funktionär der Organisation, Gerd-Manfred Gabler, liest die Zeitung zumindest gelegentlich, denn er hat sich mehrmals in ihr per Leserbrief zu Wort gemeldet. Ein polnischer Verband habe 1930 die Annexion deutschen Territoriums gefordert, behauptete er etwa in einem solchen Schreiben: „1945 erfüllte sich dieser polnische Traum – gegen Völkerrecht und Menschenwürde.“ Auch zum Thema Islam hat sich Gabler in einem Leserbrief an die „Junge Freiheit“ geäußert. „Die islamische Landnahme in Deutschland“, schrieb er, „kann auch mit dem Fehlen eines Friedensvertrages erklärt werden.“ „Der Krieg“ werde heute „mit anderen Mitteln weitergeführt: Als ein Multikulti-Krieg, ausgerichtet von den deutschen Erfüllungsgehilfen im Auftrag der Siegermächte gegen das eigene Volk.“ Gabler behauptet, gegenwärtig werde „die Abschaffung Deutschlands“ vollzogen.

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