Lesetipp: Melanie Dittmer – eine extrem rechte Aktivistin unter der Lupe (1 Update)

Posted on 11. Dezember 2014 von


RHEIN-SIEG-KREIS – Eine der aktuell umtriebigsten Personen bei der Formierung der PEGIDA-Bewegung in NRW und zugleich Anmelderin der BOGIDA-Aktionen am 15., 22. und 29. Dezember in Bonn ist Melanie Dittmer aus Bornheim (Rhein-Sieg-Kreis), die erst kürzlich – am 6. Dezember – als Beisitzerin in den Parteivorstand von „pro NRW“ gewählt wurde. Aus diesem aktuellen Anlass dokumentiert nrwrex einen Artikel von Alexander Brekemann aus der aktuellen Ausgabe #57 (Herbst 2014) der „LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen“ (Informationsstand: Mitte Oktober 2014).


„Ich kann das…“
Melanie Dittmer: eine extrem rechte Aktivistin unter der Lupe

Von Alexander Brekemann

„Der wohl beste Artikel zu unserer Demonstration“, jubelte im Nachgang des Aachener Neonazi-Aufmarsches vom 29. März 2014 der Aachener Kreisverband der „Die Rechte“ auf seiner „Facebook“-Seite. Und verwies auf einen Beitrag auf der Internetwerbeplattform „lokalkompass. de“, die es registrierten NutzerInnen erlaubt, eigene Beiträge zu veröffentlichen. Autorin des Artikels war die in Höxter geborene, in Dorsten (Kreis Recklinghausen) aufgewachsene, später u.a. in Düsseldorf und Essen wohnhafte und heute in Bornheim (Rhein-Sieg-Kreis) lebende Melanie Dittmer.

Sie arbeite bei „Subkultur2010 – Presse und Events“, sei „gelernte Veranstaltungskauffrau“ und „freie Journalistin (DPV – Deutscher Presse Verband)“ sowie „Redakteurin bei www. the-spine. de (Musik, Film, Buch)“, verrät Melanie Dittmer den „lokalkompass“-LeserInnen. Von „2010 – 2012“ sei sie im Arbeitsbereich „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ im Essener Kulturzentrum „Zeche Carl“ tätig gewesen und „seit 2009“ arbeite sie als „Outdoorguide“ bei der Essener Firma „Querfeldeins (bundesweite Outdoor Events)“. Erwartungsgemäß unerwähnt lässt sie ihre neonazistische Vergangenheit – und dass sie auch heute noch in der extremen Rechten aktiv ist.

Ein Rückblick

Schon im jugendlichen Alter hatte die am 28. September 1978 geborene Dittmer Anfang/Mitte der Neunziger Anschluss an die Neonazi-Szenen im Kreis Recklinghausen und in Dortmund gefunden – und sich offenbar bewährt. Bereits um 1994 wurde sie als „Kreisbeauftragte Dorsten“ der Partei „Deutsche Nationalisten“ geführt. 1995/1996 galt sie als Zuständige für die Dorstener Gruppe der FAP-Nachfolge-Gruppierung „Kameradschaft Recklinghausen“ – um dann etwas später bei den „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) zu landen, bei denen sie zeitweise als Landesvorstandsmitglied und „Stützpunktleiterin“ Dortmund fungierte. Ihr lokales Highlight, eine für den 28. Juni 1997 vom JN-Landesverband in Dorsten angekündigte Demonstration („Ruhrkampftag – Kohle und Stahl nur mit uns“), wurde ihr allerdings verwehrt, die Aktion wurde verboten. In ihrer aktiven JN-Zeit wirkte sie in den Redaktionen der JN-Postillen „Ruhrstürmer“ und „Schwar­ze Fahne“ mit und war zumindest anfangs (ab 1997) auch für das Skin-Politzine „Neue Doitsche Welle“ des JN-Funktionärs Sascha Wagner aktiv. Mit diesem Blatt sollte versucht werden, die rechte Skinhead-Szene enger an das extrem rechte Parteienspektrum anzubinden. Nach der 1999 erfolgten Spaltung des nordrhein-westfälischen JN-Landesverbandes bewegte Dittmer sich im Kreis des neugegründeten „Bildungswerks Deutsche Volksgemeinschaft“ (BDVG) um die im Frühjahr 1999 aufgrund bundesverbandsinterner Flügelstreitigkeiten von ihren JN-Landesvorsitzämtern zurückgetretenen Achim Ezer (Köln) und Frank Amberg (Burscheid/Rheinisch-Bergischer Kreis). Dieser Strömung ist auch die nur kurze Zeit erschienene Zeitschrift „Wille und Weg“ zuzuordnen, in deren erster Ausgabe („1. Quartal 2000“) Dittmer als Redaktionsmitglied geführt wurde. „Obwohl erst 21 Jahre alt“, so die Düsseldorfer Stattzeitung „TERZ“ in ihrer Ausgabe Februar 2000, „gehörte Dittmer in den letzten Jahren zu denjenigen Personen in der militanten Neonazi-Szene in NRW, die den politischen Kurs entscheidend mitbestimmten. Sie zählt zu den wenigen Frauen, die in der nordrhein-westfälischen Neonazi-Szene überhaupt etwas zu sagen haben.“ Auf Aufmärschen wurde Dittmer nach den JN/NPD-Demonstrationen im Herbst 1998 in Münster und Bonn allerdings nur noch einmal gesehen: Am 28. Oktober 2000 in Düsseldorf.

„Mein Ausstieg vom Ausstieg“

Bereits 1999 hatte Melanie Dittmer ihren Wohnort nach Düsseldorf verlegt, wo sie mit ihrer Lebensgefährtin eine gemeinsame Wohnung bezog. Sie knüpfte Kontakte nicht nur zum in der neonazistischen Hackordnung nach oben strebenden Düsseldorfer „Kameradschaftsführer“ Sven Skoda, sondern auch zum Düsseldorfer RechtsRock-Unternehmer und von der lokalen Antifa als „Nazi-Yuppie“ bezeichneten Torsten Lemmer, der zunehmend Marktanteile im RechtsRock-Geschäft verlor. Zum einen, weil die Konkurrenz in der Szene immer stärker wurde, zum anderen weil er vielen sich politisch verstehenden SzenegängerInnen als szenefremder Abzocker galt. Die in der Szene anerkannte Dittmer kam da wohl gerade recht. Ab Dezember 1999 bot temporär ein RechtsRock-Versand namens „Hagalaz“ seine Produkte an, fast ausschließlich aus dem Hause Lemmer, allerdings unter dem Namen Dittmers. Zudem steuerte Dittmer von nun an den einen oder anderen Beitrag für Lemmers RechtsRock-Postille „RockNord“ bei und besuchte zumindest punktuell auch die von Lemmer und dem ehemaligen norddeutschen JN-Kader Jan Zobel betriebenen „Jugendoppositionsstammtische“, mittels derer rechte Jugendliche angesprochen und eingebunden werden sollten.

Ende April 2001 verlor Dittmer nach der Ausstrahlung eines mit ihr geführten TV-Interviews ihren Job bei einem Telekommunikationsunternehmen. Just zu diesem Zeitpunkt war Lemmer auf der Suche nach Personen aus der extremen Rechten, die mit ihm gemeinsam an einem Theaterprojekt („naziline.com“) des Züricher Theaterregisseurs Christoph Schlingensief mit ausstiegswilligen Neonazis mitwirken sollten (siehe LOTTA #6, Sommer 2001, S. 3 ff.). Dittmer griff zu. Und schrieb dazu 2002 rückblickend in einem Beitrag mit dem Titel „Mein Ausstieg vom Ausstieg“: „Mir ging es von Anfang an nicht darum, ‘aus der rechten Szene auszusteigen’. Da gibt es keinen Grund für mich. […] Ich habe bei Schlingensief mitgemacht, weil ich zeigen wollte, dass ich bereit bin, mich auseinanderzusetzen mit Andersdenkenden. Die Grundidee war, zu sagen: ich kann das, nun setzt euch auch mit mir/uns auseinander.“ Und daraus machte sie auch während des Projektverlaufs keinen Hehl. Vermutlich deshalb schied sie unfreiwillig vorzeitig aus dem Projekt aus. Sie mache aber „nach der hyperaktiven politischen Zeit (acht Jahre)“ nun „privat viel mehr“, so Dittmer damals. Und weiter: „Ich genieße endlich mein Leben in vollen Zügen und schäme mich nicht vor meinen ‘Kameraden’“. Offenbar genoss sie tatsächlich reichhaltig, denn in den folgenden Jahren war von ihr kaum noch etwas zu hören, sieht man einmal von dem einen oder anderen Forumsbeitrag ab, der mit ihrem Namen gekennzeichnet war.

Aktuelle Entwicklung

2012 tauchten dann – u.a. im „stern“ – Fotos von „pro NRW“-Veranstaltungen auf, bei denen es zu Angriffen von Islamisten gekommen war: „© Melanie Dittmer/DPA“. Immer häufiger war Dittmer am Rande von Demonstrationen und Kundgebungen anzutreffen, um zu fotografieren, was jedoch erst 2014 auffiel, da sie nahezu allen jüngeren AntifaschistInnen gänzlich unbekannt war. 2014 war sie bei bislang zwei größeren Events der neonazistischen Szene in NRW als vermeintliche Pressefotografin vor Ort – am 29. März in Aachen und am 1. Mai in Dortmund – , reiste teilweise sogar gemeinsam mit den AufmarschteilnehmerInnen an und ab und trat des­öfteren in – von BeobachterInnen des Geschehens als „freundschaftlich“ beschriebenen – Kontakt zu Ordnern und TeilnehmerInnen. Professionelle Distanz? Fehlanzeige! Anschließend veröffentlichte sie von ihr als „nicht wertend“ empfundene wohlwollende Berichte auf „lokalkompass. de“, die später nach Protesten wieder gelöscht wurden.

Dittmer selbst besteht darauf, nur noch privat und beruflich unterwegs zu sein, sie habe ihre persönliche Meinung, die ihr keiner nehmen könne, pflege auch Bekanntschaften mit Szenegängern, all’ das habe aber mit politischer Aktivität nichts zu tun. Basta! Ob sie das tatsächlich glaubt, spielt jedoch keine sonderlich große Rolle mehr, da sie sich zwischenzeitlich deutlich positioniert hat. Spätestens nach ihrem – eigentlich unnötigen – Posieren vor dem Haus der extrem rechten „Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ am 6. September 2014, in das der „neurechte“ Messekongress „Zwischentag“ ausweichen musste und durfte (siehe LOTTA #57, S. 26), und ihrem hierbei offen zur Schau gestellten Bekenntnis zur „Identitären Bewegung“ (siehe LOTTA #50, S. 30 ff. und LOTTA #52, S. 38 ff.) dürfte klar sein, dass ihre „politikfreie“ Zeit endgültig vorbei ist – sofern es eine solche je gegeben hat. Und es bedarf auch keiner hellseherischen Fähigkeiten, sie als Motor der in den letzten Monaten deutlich gestiegenen Aktivitäten der „Identitären Bewegung Rheinland“ – insbesondere im Raum Bonn/Rhein-Sieg-Kreis – auszumachen, ausgehend von ihrem derzeitigen Wohnort Bornheim, wo vom 29. bis 31. August 2014 auch das „Identitäre Sommerlager Rheinland“ stattfand, und aktuell bis Duisburg und Koblenz reichend, wo derzeit neue „identitäre“ Gruppen aufgebaut werden. Am 19. September reiste sie beispielsweise nach Duisburg, um auf einer städtischen Informationsveranstaltung anlässlich der Einrichtung einer Notunterkunft für Flüchtlinge gezielt Stimmung zu machen und Propaganda der „Identitären“ zu verbreiten. Dort trat sie Angaben des „Antifa-Infoportals Duisburg“ zufolge zunächst in Presseweste auf, zog diese aber später aus, um höchstpersönlich Flugblätter zu verteilen und den Mob mit „Volksverräter“-Rufen anzustacheln. Mit vor Ort war auch die aktuelle Vorsitzende der NPD Duisburg, Melanie Händelkes. Die beiden kennen einander noch aus gemeinsamen JN-Zeiten. Händelkes, damals noch unter ihrem Geburtsnamen Melanie Wosniak unterwegs, war Ende der Neunziger Chefin der JN Köln.

Einschätzung

Dass Dittmer nach wie vor über ein extrem rechtes Welt- und Menschenbild verfügt – sie selber würde vermutlich die Begriffe „rechts“ und „radikal“ bevorzugen –, daran dürften keinerlei Zweifel bestehen. Auch wenn sie eher nicht zu den politischen StrategInnen der Szene zu zählen ist, so stellt sie doch eine Bereicherung für die extreme Rechte im Rheinland – und insbesondere für die „Identitären“, die aktuell Zulauf zu verzeichnen haben –, dar. Und dies nicht nur aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung und ihrer umfangreichen Kontakte zu extrem rechten AkteurInnen diverser Spektren. Im Gegensatz zu nicht wenigen anderen ist sie hochflexibel und kreativ, schert sich nicht um Abgrenzungen innerhalb der Szene, steht mit beiden Beinen im „Hier und Jetzt“ und hat eine erstaunliche Power sowie ein großes Organisationstalent und Selbstbewusstsein. Sie benötigt die Szene nicht. Die Frage ist also eher, ob die extreme Rechte ihr (noch) etwas zu bieten hat bzw. ob sich politische Perspektiven herauskristallisieren. Was sie 2001/2002 über „ihre“ Szene schrieb, daran hat sich bis heute nichts verändert: „Kritisch betrachtet, werden die meisten in der rechten Bewegung nicht ihrem eigenen, längst überholten Maßstab gerecht. Viele lügen sich die Hucke voll, so dass es einem Außenstehenden zwangsläufig schlecht wird.“ Ihr damaliges Fazit: „Da gehe ich lieber meinen eigenen Weg.“ Und das politisch noch relativ offene Spektrum der „Identitären“ bietet hierfür aktuell offenbar Entfaltungsmöglichkeiten.

(Quelle: LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen, Ausgabe #57, Herbst 2014, S. 23-25, erschienen am 1. November 2014)

Update vom 27. Dezember 2014:

Die Essener Firma „querfeldeins“ hat nach der Veröffentlichung dieses LOTTA-Artikels zügig reagiert und sich von Melanie Dittmer getrennt. „Als uns Euer Artikel bekannt wurde, haben wir das Arbeitsverhältnis beendet“, heißt es in einer Mail an LOTTA.

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