Presseschau/Lesetipp: „Road Crew“ OWL kauft Bahnhof Lage-Ehlenbruch

Posted on 13. Oktober 2014 von


LAGE (KREIS LIPPE) – „Unbemerkt von der Öffentlichkeit“, so berichtete die „Neue Westfälische“ bereits am 4. Oktober, sei „der Bahnhof Lage-Ehlenbruch ins Eigentum von Mitgliedern der ‚Road Crew OWL‘ übergegangen“. Zwei RC-Mitglieder „aus Bad Salzuflen und aus Helpup“ hätten „den Bahnhof sowie das dazugehörende 7.000 Quadratmeter große Grundstück“ gekauft. Gemeint ist die „Road Crew 24“, ein Fanclub der zwischenzeitlich nicht mehr aktiven Düsseldorfer Band „Barking Dogs“, der auch in Ostwestfalen über ein „Chapter“ verfügt und enge Kontakte in die extreme Rechte pflegt.

Zum Artikel der NW geht es hier.

Als Hintergrund dokumentiert nrwrex im Folgenden einen Artikel von Sebastian Stiltz und Stefan Grams über diese „Road Crew“, der in der LOTTA #45, Herbst 2011 erschien, Erscheinungsdatum war der 11. Oktober 2011. Der Artikel basiert auf dem Informationstand von September 2011.

Unpolitischer „Freizeitverein“

Der „Barking Dogs“-Fanclub „Road Crew 24“

„Die Road Crew ist keine politische Vereinigung und distanziert sich ganz klar von den selbigen“, heißt es im Selbstverständnis der Gruppierung. Mit „jeglichen extremistischen Einstellungen“ will man „nichts zu tun haben“. Politik gilt als schmutzig und bringt oftmals auch Ärger mit sich, da verbleibt man lieber im vermeintlich „Unpolitischen“. Und schließlich ist man ja auch für keine Partei aktiv. Unpolitisch ist die Gruppierung, die laut ihrer von Marcel Röll aus Bochum angemeldeten Homepage aktuell über „Chapter“ in Bochum, Düsseldorf, Mönchengladbach, Bielefeld bzw. Ostwestfalen und in Stuttgart verfügt, deshalb noch lange nicht.

„Road Crew 24“ nennt sich jener „Freizeitverein“, der sich seit einigen Jahren immer mehr ausdehnt. „24″ steht dabei für den zweiten und vierten Buchstaben des Alphabets, also für B und D. Dabei handelt es sich um das Kürzel der RechtsRock-Band „Barking Dogs“ aus der Region Düsseldorf und Krefeld. „Kraft durch Freude führten uns von Anfang an und 1995 fingen wir zu spielen an. Wir spielen Skinhead-Rock fürs Vaterland, mit anderen guten Rockbands Hand in Hand,“ schüttelreimte ihr in Willich (Kreis Viersen) aufgewachsene, und später nach Düsseldorf verzogene Frontmann Ingo Wolf, der zuvor bei den Bands „08/15“ und „Arbeiterklasse“ spielte, auf der 1997 erschienenen ersten CD „Skinhead Rock“. Der „Skinhead Way Of Live“ war das beherrschende Thema der Band, auch damals schon nationalistisch aufgeladen. Von einem „sauberen Deutschland“, Zusammenhalt, Treue, Stolz, vielen Feinden und Kampf handelten ihre Texte, strafrechtlich bedenkliche Passagen und offene NS-Bezüge wurden ausgespart: „Die deutsche Jugend, die darf sich nicht wehren. Doch deutsche Skinheads, die kann man nicht belehren. Doch haltet zusammen – gemeinsam sind wir stark. Für ein sauberes Deutschland, so wie ich es mag“ (vgl. LOTTA #14, Herbst 2003, S. 38 f.). Auf ihrem dritten Album „Royal Aces“, das 2001 erschien, präsentierte die Band mit „Don‘t bother me“ so etwas wie die Hymne der Road Crew: „Don‘t bother me, we sing along as one, we still stand together, yeah we have much of fun. We will never leave our way of life, we will rock forever till the Road Crew dies.“ Zu diesem Zeitpunkt waren die „Barking Dogs“ integraler Bestandteil der extremen Rechten. Heute scheint die Band nicht mehr aktiv zu sein. Das Neonazi-Forum „Thiazi“ vermeldet: „Barking Dogs hat sich aufgelöst.“ Die letzte „Barking Dogs“-CD erschien 2008, die letzte bekannt gewordene Präsentation der Band war eine „Barking Dogs CD Release-Party“ am 27. September 2008. Austragungsort war die Stammkneipe der Band und ihres Umfeldes, das „Stellwerk“ in Meerbusch-Osterath (Nähe Düsseldorf), das auch später noch für monatliche Stammtische und weitere Events der „Road Crew“ genutzt wurde, zu denen auch Mitglieder der anderen Chapter anreisten.

„Funktionierende Einheit“…

Die „Road Crew 24“ war zunächst nur im Raum Düsseldorf und am Niederrhein anzutreffen, später kamen „Chapter“ in Bochum, Bielefeld/Ostwestfalen und Stuttgart hinzu, wobei sich die Stuttgarter Mitglieder im Internet nicht zu erkennen geben. Die Auflösung der Band war jedoch nicht auch das Ende des Fanclubs. Maximilian Rudolf, eines der ältesten Mitglieder der „Crew“, schreibt: „Wir leben in einer schwierigen Zeit. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, daß es für uns grundsätzlich unmöglich wäre, wenn es heute nicht die Road Crew gäbe. Ich denke auch, daß unser Bündnis noch viele Jahre Bestand haben wird.“ Anders als zu Zeiten, als die „Barking Dogs“ noch Bezugspunkt waren und Daseinsberechtigung garantierten, stehen jetzt die „Road Crew“ selber und das gemeinsame (Er-)Leben im Vordergrund: „Es gibt eine klare Struktur, klare Linien und feste Aufgaben. Es wurde ein Regelwerk erstellt, an das jedes Mitglied sich zu halten hat.[….] Die Crew ist heute eine funktionierende Einheit von Leuten, die wissen, wo es im Leben lang geht.“ Wobei „Leute“ im Sinne von „harten Männern“ zu verstehen ist. Das Zelebrieren eines auf vermeintlich körperlicher Stärke aufbauenden Männlichkeitskults sowie von Sexismus ist allgegenwärtig. So klingt es auf der Einladung zur Weihnachtsparty 2009: „Bier aus Fässern, Topless, starke Männer im Wettstreit und natürlich Striptis … mit freundlicher Unterstützung von Sandra und Nina.“

Schnittstellen zur extremen Rechten…

Je inaktiver die Band „Barking Dogs“ wurde, desto mehr wurde sie Kult und desto mehr dehnte sich ihre „Road Crew“ aus. Das „Chapter Ostwestfalen“ ist hierbei von besonderem Interesse. Nicht nur, weil es das derzeit aktivste zu sein scheint und aktuell die offenkundigsten Schnittstellen mit der extremen Rechten aufweist: Anders als die übrigen Chapter verfügen die Ostwestfalen in Lage-Billinghausen (Kreis Lippe) über ein eigenes, angemietetes Clubhaus. Filmplakate von in der neonazistischen Skinhead-Szene als Kult angesehenen Filmen schmücken die Wände. Die lippische Fahne hängt stolz neben dem Banner der rechten Gütersloher Band „Knock Out“. Mit den Räumlichkeiten sind die notwendigen Ressourcen zur Organisation von auch größeren Treffen und Veranstaltungen gegeben.

Unter den Mitgliedern der zirka 15-köpfigen Gruppierung befinden sich Robert Kampeter aus Oerlinghausen-Helpup, Michael Sundermann aus Bad Salzuflen, Dirk Stranghöhner aus Bielefeld, Bodo Greweling und Maurice Quakernack, beide aus Gütersloh. Kampeter ist seit einigen Jahren auf Aufmärschen anzutreffen. Im Jahr 2007 filmte er gemeinsam mit Jörg Schulte aus Oerlinghausen-Helpup TeilnehmerInnen einer Kundgebung gegen rechte Gewalt in Oerlinghausen. Er verfügt über Kontakte zum Neonazi-Netzwerk „Westfalen Nord“ (vgl. LOTTA #44, S. 26). Auch Sundermann ist seit Jahren in die Neonazi-Szene eingebunden. Beim „Deutsche Stimme“-Pressefest 2010 der NPD war er ebenso anwesend wie beim Trauermarsch 2011 in Bad Nenndorf. Stranghöhner stammt aus dem „Postmeister“-Umfeld, einer ehemaligen Stammkneipe der mittlerweile aufgelösten Kameradschaft Bielefeld und deren Umfeldes. Greweling war der Frontmann der Anfang der 1990er aktiven RechtsRock-Band „Werwolf“. Bei einer im Rahmen einer Ermittlung wegen Volksverhetzung durchgeführten Hausdurchsuchung wurden bei Mitgliedern dieser Band neben Propagandamaterial auch 6,8 Kilogramm Sprengstoff gefunden. Quakernack ist als Tätowierer im Tattoo-Studio „Excalibur“ in Bad Salzuflen tätig, das sich zwischenzeitlich in „Bleeding Heart“ umbenannt hat. Einst spielte er in der Gütersloher RechtsRockband „Sleipnir“. Mittlerweile ist er bei „Knock Out“ aktiv, einer Band, die sich thematisch auf Fußball und Hooliganismus orientiert, ihre letzte CD „Heimvorteil“ erschien 2006 beim der extremen Rechten zuzuordnenden Label „Sieg oder Spielabbruch“. Auch der Bassist Andreas Gauß gehört dem „Road Crew“-Chapter OWL an. Im April 2008 spielte die Band vor dicht gedrängtem Publikum im Clubhaus. Im März 2009 war ein Konzert in den Räumlichkeiten des Motorradclubs „Eagles Bielefeld-Brake“ geplant, bei dem auch „Kategorie C“ aus Bremen auftreten sollte. AntifaschistInnen aus OWL sorgten jedoch dafür, dass es nicht stattfinden konnte. Kurze Zeit später trat dann die Bielefelder „Onkelz“-Coverband „Exitus letalis“ in den Räumen der Road Crew OWL auf, im Publikum gaben sich regionale „Größen“ der Neonazi-Szene die Ehre, unter ihnen Bernd Stehmann aus Leopoldshöhe, Marco Siedbürger aus dem Schaumburger Land sowie Christian Nitsch aus dem Osnabrücker Land. Am 12. März 2010 war ein Konzert mit „Knock Out“ sowie der Bremer Band „Endstufe“ geplant. Die Stadt Lage entschied in letzter Minute, dass das baufällige Clubhaus den bauordnungsrechtlichen Bestimmungen nicht entspreche und verbot die Veranstaltung. Dass die Verbotsmaßnahmen NRW-weit mediale Aufmerksamkeit erzeugten, dürfte der „Road Crew“ nicht gefallen haben, sind diese doch sehr darauf bedacht, sich unauffällig zu geben und nicht in politische Kategorien eingeordnet zu werden.

Eben dieses klandestine Auftreten ermöglicht es der Road Crew 24 immer wieder, Veranstaltungen im öffentlichen Raum durchzuführen. So etwa ihr jährlich im Sommer stattfindendes Fußballturnier, zeitweise vom Chapter OWL auf dem Fußballplatz eines örtlichen Sportvereins im wenige Kilometer vom Clubhaus entfernten Helpup veranstaltet, Bierwagen und Pavillons inklusive. Ein Banner mit der Aufschrift „Road Crew 24″ sollte deutlich machen: Hier handelt es sich um eine „Privatfeier“. 2009 nahmen neben dem ostwestfälischen Chapter auch die Chapter Düsseldorf sowie Bochum an dem Turnier teil. Verwundern mag die Teilnahme einer „Kameradschaft Bielefeld“, denn eine solche aktive Gruppierung gab es 2009 schon lange nicht mehr. Vermutlich wird es sich hierbei um ehemalige Akteure dieses Zusammenhangs gehandelt haben. Denn auch Bernd Stehmann zeigte sich im Fußballdress, wenn auch spielerisch als Totalausfall. Auch die „Freshmaker“, eine örtliche Gruppe aus dem „Arminia Bielefeld“-Fanspektrum, nahmen an dem Turnier teil. In der Vergangenheit traten Mitglieder dieser Gruppe immer mal wieder bei neonazistischen Aufmärschen in Erscheinung. Im Anschluss an das Turnier wurde in der Unterkunft der „Road Crew“ weitergefeiert. Dort wurde unter anderem der Auftritt der „Blood & Honour“-Band „White Law“ (GB) vom „Fest der Völker 2008″ im thüringischen Altenburg gezeigt.

…Nicht nur in Ostwestfalen

Bei den anderen Chaptern finden sich ebenso Schnittmengen zur extremen Rechten, wenngleich der Aktivitätsgrad nicht an den des ostwestfälischen Chapters heranreicht. Bei einzelnen Akteuren des RC 24-Chapters Düsseldorf zeigte sich zudem, dass die „Road Crew“ von früheren Neonaziszene-Gängern als attraktives „Rückzugsgebiet“ begriffen wurde, wenn es beispielsweise Ärger mit AntifaschistInnen, Behörden oder ArbeitgeberInnen gab. Die „Road Crew 24“ ist ein Rückzugsgebiet, das deutlich attraktiver ist, als die Freizeit ausschließlich vor dem heimischen Fernsehgerät, im Kleingarten oder in der Eckkneipe zu verbringen. So verwundert es auch nicht, dass auf Events der „Road Crew“ auch der Düsseldorfer Altskin Stefan Rasche zu finden ist. Rasche war bis Ende der Neunziger Jahre der wohl bekannteste neonazistische Skinhead in der Düsseldorfer Region und genoss auch BRD-weit eine gewisse Popularität, nicht zuletzt durch seine Mitwirkung als Security-Mitglied und Aushilfsbassist bei der neonazistischen Kultband „Störkraft“ Anfang der Neunziger. Später war er dann Frontmann der RechtsRock-Band „Starkstrom“. Ungefähr seit der Jahrtausendwende ließ er es beschaulicher angehen. 2010 wurde er im Rahmen der Betriebsratswahlen der Rheinbahn AG sogar als Kandidat der „ver.di“ geführt. Er sei „ausgestiegen“, verriet die „ver.di“, nachdem Rasches Kandidatur öffentlich bekannt wurde. Öffentliche Statements von Rasche sucht man indes vergeblich.

Schnittstellen zu Fußball- und Rocker-Szenen

Personelle Schnittmengen zwischen RC 24 und der Fußballszene zeigen sich in Ostwestfalen auch an anderer Stelle. So arbeiten beispielsweise zwei RC-Mitglieder als Türsteher bei der Bielefelder Diskothek „Ringlokschuppen“, deren Security von einer Kultfigur der Bielefelder Hooligan-Szene gemanagt wird. Offensichtlich bemerkte man bisher auf Seiten der Diskothek, die sich gerne als alternativer Ort zelebriert, nicht die teilweise eindeutigen Tätowierungen, die mindestens einer ihrer Türsteher am Körper trägt: Ein Hakenkreuz und ein SS-Totenkopf auf der Brust sowie die Zahlen 2 und 8 für „Blood and Honour“ auf dem Hals zeugen unmissverständlich von seiner politischen Ausrichtung. Vielleicht stört es in der Diskothek aber auch niemanden.

Auch mit der örtlichen Rockerszene gibt es Schnittmengen, gemeint ist das Chapter OWL der „Freeway Riders“. Auf den T-Shirt ihrer Mitglieder prangt neben dem Schriftzug „Freeway Riders MC, Ortsgruppe OWL“ eine abgewandelte Symbolik eines Reichsadlers. Zwischen dem MC und der „Road Crew 24“ besteht ein freundschaftliches Verhältnis. Bis zum Sommer 2011 nutzten die „Freeway Riders“ das Nachbargebäude der „Road Crew“-Räumlichkeiten. Nach ihrem Auszug aber wird sich aber vermutlich auch die „Road Crew“ eine neue Bleibe suchen müssen. Das Haus steht gegenwärtig zum Verkauf. Ob sich ein Käufer finden wird, der sie als Mieter übernehmen möchte, ist eher fraglich.

Fazit

Von einer unpolitischen Partyfraktion kann bei der „Road Crew 24“ also keine Rede sein. Sie organisiert eine politisch im Sinne der extremen Rechten aufgeladene Alltags- und Erlebniswelt, in die auch Aktivisten der extremen Rechten involviert sind. Die durchaus vorhandenen politischen Statements, sei es in Form eindeutiger Tattoos, als im Hintergrund laufender Film über das „Fest der Völker“ oder durch die der Anwesenheit einer Neonazi-“Kameradschaft“ beim Fußballturnier, werden jedoch nicht als Politik verstanden.

Eine Ausdehnung der RC 24 auf weitere Städte und Regionen ist wahrscheinlich. Beim letzten Fußballturnier im September 2011 auf dem Sportplatz des „SSV Erkrath“, wenige Kilometer von Düsseldorf entfernt, spielte auch ein offenbar eng mit dem RC-Chapter Bochum verbandeltes Team aus Schwedt (Brandenburg) mit. Stolz hielt einer der ihren einen Pokal in die Kamera. Der Rückaufdruck seines T-Shirts: „Nach Frankreich fahr ich nur auf Ketten.“

 

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