GT: Bürgerliche Fassade abgeblättert: Das Tonstudio des „Sleipnir“-Frontmanns

Posted on 20. Dezember 2013 von


VERL (KREIS GÜTERSLOH) – Ein Tonstudio mit zertifiziertem Audioingenieur, Referenzen von Bands und Bilder eines Karaoke-Tags der Grundschule Süd-Bielefeld: All das zeigt die Website des „Bandhouse-Studios“ im ostwestfälischen Verl (Kreis Gütersloh). Hinter dem Tonstudio steht Marco Bartsch, Sänger und Leader der Band „Sleipnir“ und besser bekannt unter seinem früheren Namen: Marco Laszcz. Er ist einer der wichtigsten Akteure der neonazistischen Rockszene, verbreitete seine Parolen im In- und Ausland und warb für die NPD. Über Jahre gelang es ihm jedoch, seine bürgerliche Fassade als Toningenieur aufrechtzuerhalten, mit Schulkindern zu arbeiten und Tonträger für Bands zu produzieren, die nicht zur extremen Rechten zählen. Damit ist jetzt Schluss, der Hintergrund des Studiobesitzers wurde öffentlich bekannt.

Marco und „Sleipnir“ – eine lange Geschichte

„Im Herzen Westfalens wurde die Band „Sleipnir“ geboren. Nachdem man Bands wie „Skrewdriver“, „Endstufe“, „Vortex“ usw. das erste Mal mit jungen Jahren 1988/89 live begleiten durfte, war es eigentlich klar: Das machen wir auch!“, heißt es auf der Website von „Sleipnir“. Die Vorbilder der Band gehörten damals zu den bekanntesten Bands der Naziskins. „White Power“ – „Weiße Macht“ – forderte „Skrewdriver“ schon 1981 und hetzte gegen die „multi-rassische“ Gesellschaft. Marco Laszcz – später: Marco Bartsch – und seine Kameraden machten es ihnen nach. Ab 1991 traten sie unter dem Namen „Sleipnir“ auf und machten sich bald einen Namen als Live-Band. 1996 erschien mit „Mein bester Kamerad“, die erste CD. Das Amtsgericht Ulm begründete am 14. April 1998 die Beschlagnahme der „Sleipnir“-CD damit, der Sänger hetze auf dieser „in menschenverachtender Weise gegen Ausländer, […] indem er sie zu Parasiten herabwürdigt, die kein Recht hätten in Deutschland zu leben“.

Kontinuitäten

Seit ihrer Gründung Anfang der 1990er Jahre verließen eine Reihe von Musikern die Band wieder, andere nahmen ihren Platz ein. Bei „Sleipnir“ spielten szenebekannte Musiker wie Andreas Koroschetz von „Division Germania“ und Jan-Peter Kersting, besser bekannt als „Liedermacher Jan Peter“. In der seit 2012 aktuellen Besetzung spielen unter anderem Martin Böhne aus Hamm und Dennis Linsenbarth aus Werne, zuvor Bassist der Dortmunder Band „Oidoxie“. Für die Kontinuität steht jedoch Marco Laszcz/Bartsch. Inhaltlich hat sich „Sleipnir“ über die Jahre vom plumpen Bild des Wehrmachtssoldaten verabschiedet, teilweise haben die Lieder heute neuheidnische/antichristliche Bezüge, teilweise handelt es sich um Trink- und Partylieder. Typisch für das heutige Erscheinungsbild der Band ist das Lied „Rebellion“. In diesem heißt es: „Sie tragen keine Bomberjacken, sind trotz allem national, gehen zum Fußball oder Partys, ihre Köpfe sind nicht kahl. Man kann nur schwer erkennen, wer sie sind und was sie wollen, doch wenn es um Deutschland geht, dann hört man sie von weitem grollen: Eine Jugend rebelliert!“ Das Lied erweitert das Spektrum für die extrem rechte Szene bewusst auf „normale“ Jugendliche, es verherrlicht auch nicht den Nationalsozialismus oder fordert den Sturz „des Systems“. Es ist vage gehalten, es geht um „Deutschland“, man ist „national“. Doch „Sleipnir“ agiert weiterhin deutlich im neonazistischen Bereich.

Von NPD und „Blood & Honour“

Das Lied „Eine Jugend rebelliert“ ist mit seinem rockigen und eingängigen Sound sowie seinem weichgespülten Inhalt gut geeignet, Jugendliche anzusprechen. Kein Wunder also, dass es auf der 2005 von der NPD veröffentlichten CD „Der Schrecken aller linken Spießer und Pauker“ zu finden ist. Diese CD wurde von der NPD quasi als „klingendes Parteiprogramm“ kostenlos insbesondere an JungwählerInnen verteilt. Zur NPD hat „Sleipnir“ ein besonderes Verhältnis. Die Band stellte nicht nur Lieder für diverse „Schulhof-CDs“ der Partei zur Verfügung, immer wieder trat die Band auch auf Konzerten der NPD auf, so jüngst am 4. Mai 2013 anlässlich eines „Nationalen Kundgebungstags“ der NPD in Leinefelde (Landkreis Eichsfeld in Thüringen). Auch der „Sleipnir“-Auftritt vor 5.000 BesucherInnen beim „Rock für Deutschland“ 2009 wurde von der NPD organisiert. In letzter Zeit hatte die Band jedoch „Pech“ mit einigen ihrer Auftritte. Das Konzert, auf dem „Sleipnir“ am 6. Juli 2013 in Herne für die neonazistische Partei „Die Rechte“ auftreten sollte, wurde von der Polizei aufgelöst, ebenso jenes am 18. Mai 2013 im brandenburgischen Finowfurt (Landkreis Barnim).

„Sleipnir“ spielt nicht nur für diverse extrem rechte Parteien, sondern auch für neonazistische Szene-Organisationen im In- und Ausland, zum Beispiel in Frankreich, Italien und der Ukraine. Am 26. Januar 2013 spielte die Band in England auf einem Konzert der dortigen „Blood & Honour“-Bewegung. Deren deutsche „Division“ wurde im Jahr 2000 verboten. Ebenfalls in England auf der Bühne stand „Sleipnir“ Ende September 2013 auf dem zentralen Konzert zum Andenken an den vor 20 Jahren bei einem Autounfall verstorbenen Star der Szene, den Sänger der Band „Skrewdriver“ und Mitgründer der „Blood & Honour“-Organisation, Ian Stuart Donaldson. Das „ISD-Memorial“ ist ein zentrales Event der internationalen „Blood & Honour“-Bewegung, dem radikalsten und offen neonazistischen Teil der extrem rechten Musikszene.

Big Player

Seit zirka 25 Jahren ist Marco Laszcz/Bartsch teil der neonazistischen Szene. Mit der Band „Sleipnir“ produzierte er zwölf eigene CDs, einige Split-CDs mit anderen Bands und eine unübersehbare Anzahl von Songs für diverse Sampler. Die Band spielte vermutlich mehr als 100 Konzerte im In- und Ausland und gehört heute zu den bekanntesten Bands der neonazistischen Musikszene in Deutschland und darüber hinaus. Ihre Bedeutung hat die Band nicht zuletzt durch ihren guten und ausgefeilten Sound erlangt. Da Bartsch Toningenieur ist und ihm die nötige Technik zur Verfügung steht, resultiert der Erfolg von „Sleipnir“ offenkundig nicht zuletzt aus seinem Tonstudio. Dieses Tonstudio, bei dem er stets darauf achtete, dass es nicht in einen Zusammenhang mit Neonazismus gerückt wurde, verschafft ihm nicht nur die Möglichkeit, Geld zu verdienen, sondern stellt vermutlich auch eine wichtige Ressource für die neonazistische Szene dar.

Freiräume einschränken

Erst kürzlich wurde öffentlich, dass einer der wichtigsten deutschen Musiker des neonazistischen Spektrums mit Kindern arbeitet und ein Tonstudio betreibt, in dem auch nichtrechte Bands produzieren, die über die Hintergründe nicht informiert waren. Bisher konnte Marco Bartsch ungestört sein Geld verdienen und Strukturen aufbauen. Jetzt ist es notwendig zu verdeutlichen: Wer mit Marco Bartsch zusammenarbeitet und in seinem Studio aufnimmt, unterstützt damit indirekt auch die extreme Rechte. Offen ist, wie die Bevölkerung der Kleinstadt Verl damit umgehen wird. Hier gilt es, Aufklärung zu betreiben, eine aktive Positionierung einzufordern und letztendlich dafür zu sorgen, dass die bisher von Bartsch genutzten Freiräume möglichst stark eingeschränkt werden.

[Bei dem Artikel handelt es sich um eine Vorabveröffentlichung eines Artikels von Andreas Schmidt aus „LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen“, Ausgabe #54, Winter 2013/2014]

 

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