UN/HAM: Die Partei marschiert

Posted on 22. Juli 2013 von


HAM 20.07.2013 - 1

Neonazis am 20.07.2013 in Hamm (copyright: nrwrex)

UNNA/HAMM – Monatelang hatte die Neonazi-Szene für ihren Aufmarsch am 20. Juli in Hamm geworben. Es war die erste „richtige“ Demonstration in der westfälischen Stadt seit dem Verbot der „Kameradschaft Hamm“ (KSH) im August 2012, doch die Beteiligung blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Lockte der letzte Aufmarsch am 1. Oktober 2011 noch fast 300 Neonazis nach Hamm, kamen am Samstag keine 150 zusammen.  Zur „Vorabend-Demo“ am Freitag  waren sogar nur 29 Rechte in die Nachbarstadt Unna gereist , die Stimmung der Neonazis war dementsprechend verhalten.

Bundestagswahlkampf?

Der mit Verspätung begonnene Aufmarsch am Samstag wurde von drei jungen Frauen mit schwarz-weiß-roten Fahnen angeführt. Ihnen folgte ein Fronttransparent mit der Aufschrift „Nein zur €U – Ja zur Volkssouveränität! Konsequent für Deutsche Interessen!“. Optisch unterschied sich die Demonstration nicht von einem Aufmarsch zu Zeiten der „Kameradschaft Hamm“, obwohl die Aktion offiziell als Teil des Bundestagswahlkampfes der Partei „Die Rechte“ angemeldet worden war. Auch manche TeilnehmerInnen kamen nicht damit klar, dass man der Öffentlichkeit nun das Bild einer „seriösen“ Partei vorspielen will und sich deshalb nicht mehr als wild gewordene braune Schlägertruppe gebärden darf. Neonazis in den vorderen Reihen bedrängten aggressiv JournalistInnen; sahen sie linke Protestierende, wollten einige am liebsten direkt auf diese los gehen. Schließlich mussten die OrdnerInnen einschreiten. Ordnerin Jennifer Velde und Versammlungsleiter Sascha Krolzig raunzten ihre „Parteikameraden“ an, sich gefälligst zurückzunehmen.

„Für die Rasse in den Tod“

Ansonsten war keine Mäßigung zu verzeichnen – weder in den Reden noch in den Parolen. „Wir sind weiß, ihr seid rot, für die Rasse in den Tod“ oder „Wir putzen unsere Stiefel mit dem Blut der Antifa“ brüllte der Neonazi-Tross. Als am Schluss „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ gerufen wurde, schritt die Polizei ein und zeigte einen Teilnehmer wegen Volksverhetzung an. Es traf – ausgerechnet – einen „Ausländer“, nämlich einen „Kameraden“ aus den Niederlanden. Insgesamt wurden nach Polizeiangaben acht Strafanzeigen gegen Neonazis, unter anderem wegen Volksverhetzung und Körperverletzung, erstattet. Als RednerInnen traten vor allem „Parteimitglieder“ ans Mikrofon. So sprachen Sascha Krolzig und Björn Rimmert vom Kreisverband Hamm, gefolgt von Christoph Drewer (KV Dortmund) und dem „Die Rechte“-Bundesvorsitzenden Christian Worch, Marcel Kaspar (KV Rhein-Erft) sowie Lukas Bals (KV Wuppertal). Bei einer Zwischenkundgebung vor dem Hammer Rathaus ergriff außerdem die Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel (Jahrgang 1928) das Wort. Auch der Berliner Oliver Kulik hielt eine Rede.

Neonazi-Trefffpunkt „Fraternitas Germaniae“

Im Anschluss an die Demonstration versammelten sich mehrere Dutzend Neonazis in einem Hinterhof am Kentroper Weg nahe der Hammer Innenstadt. Das von einer Privatperson als Clubheim der „Bruderschaft Fraternitas Germania“ angemietete Gebäude hat sich zum Neonazi-Treffpunkt entwickelt. Es entstand dort ein Ersatzobjekt für das durch das  Verbot  der KSH verlorenen gegangene „Nationale Zentrum“ an der Werler Straße. (nrwrex berichtete)  Eine Gruppe Linker, die sich am frühen Abend dem Treffpunkt näherte, wurde von den Neonazis attackiert. Gegenüber der Polizei behaupten die Rechten, sie feierten lediglich eine „Privatparty“.

„Partei seit 1920“

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„Die Partei. Seit 1920“, Demoteilnehmer in Hamm (Copyright: nrwrex)

Der Aufmarsch am Samstag zeigte, dass die Szene an Mobilisierungsfähigkeit eingebüßt hat. Dies mag auch ein Resultat der staatlichen Verbote vom letzten Sommer sein. Die Handlungs- und Kampagnenfähigkeit der Szene vermochten die ministeriellen Verbotsverfügungen und die Polizeiaktionen allerdings nicht zu stoppen. Die einst „freien“ Kameradschaften transformierten sich zügig in Kreisverbände der Partei „Die Rechte“. So ist den Neonazis die nahezu bruchlose Fortführung ihrer Aktivitäten unter dem neuen Label möglich. Die Parteiform schützt sie zudem vor Repressalien wegen der Bildung von Nachfolgeorganisationen. (nrwrex berichtete) Trotzdem ist „Die Rechte“ wohl nur eine Interimslösung. Das T-Shirt eines Teilnehmers brachte es am Samstag auf den Punkt. Der Aufdruck lautete „Die Partei“ mit der Ergänzung „Seit 1920“. 1920 ist bekanntlich das Gründungsjahr der NSDAP.

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