E: Straßen(namen)kampf in Rüttenscheid

Posted on 16. November 2012 von


ESSEN – Schenkt man den lokalen Medien Glauben, tobt derzeit im Essener Stadtteil Rüttenscheid ein „Straßenkampf“, bei dem es zwar nicht um handfeste Auseinandersetzungen geht, wohl aber um kontroverse historische Interpretationen und geschichtskulturelle Deutungsmuster.

Gestritten wird um die geplante Umbenennung von zwei Straßen, deren Namensgeber einen zweifelhaften Ruf genießen. Am 24. Mai 2012 beschloss die Bezirksvertretung II mehrheitlich, die Von Seeckt-Straße in Irmgardstraße und die angrenzende Von Einem-Straße in Ortrudstraße zurückzubenennen. Beide Straßen waren am 13. November 1937 den in den Jahren zuvor verstorbenen Generälen Hans von Seeckt und Karl von Einem gewidmet worden, die der Weimarer Demokratie, vorsichtig ausgedrückt, mehr als skeptisch gegenübergestanden und deren endgültige Beseitigung im Januar 1933 sie unverhohlen begrüßten. Auf das fragwürdige Demokratieverständnis der beiden Generäle weist seit 2008 eine Gedenktafel in Rüttenscheid hin.

„Pro Von“

Gegen die Rückbenennung der Straßen formierte sich jedoch Widerstand. Eine Bürgerinitiative „Pro Von“ initiierte beispielsweise ein Bürgerbegehren, mit dem Ziel, die Entscheidung der Bezirksvertretung rückgängig zu machen. Die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin Heidemarie von Münchhausen (CDU) sekundiert, indem sie gegen „sinnlose Straßenumbenennungen“ wettert, die sie als „Teil einer schleichenden Ideologisierung“ erkannt haben will. Von Seeckt und von Einem seien „Männer ihrer Zeit, Monarchisten und damit nicht automatisch Verbrecher“ gewesen. Dieser Deutung widerspricht wiederum das Netzwerk „Irmgard und Ortrud“, das sich entschieden für eine Umbenennung der Straßen einsetzt, mit dem Hinweis, dass es sich bei den beiden Namensgebern nicht um „verehrungswürdige Vorbilder“ handeln würde.

Kein Einzelfall

Die Vehemenz die den „Straßenkampf“ in Rüttenscheid kennzeichnet, ist freilich kein Einzelfall. Auch an anderen Orten in NRW wurde und wird um die Umbenennung und Rückbenennung von Straßen und Plätzen gerungen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stehen dabei vor allem NamensgeberInnen, deren antidemokratische Gesinnung oder eine Nähe zum Nationalsozialismus dokumentiert ist. Aber auch koloniale und militaristische Bezüge werden zunehmend hinterfragt. Diese kritische Beschäftigung mit lokaler Erinnerungskultur stößt indessen vielfach auf Widerstand. BefürworterInnen von Straßenumbenennungen wird unterstellt, Geschichte „auslöschen“ und „ideologisch“ motivierte „Säuberungen“ durchführen zu wollen. Die Kontroversen nehmen daher oftmals Züge eines regelrechten „Kulturkampfes“ an. Die bislang vermutlich spektakulärsten Auseinandersetzungen entzündeten sich im Laufe des Jahres an der Umbenennung des Hindenburgplatzes in Münster. Die LOTTA – antifaschistische Zeitung berichtete ausführlich in ihrer aktuellen Ausgabe #49, Herbst 2012. Der Artikel ist dokumentiert auf linksnet.

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