Aus dem Heft: Deutschsein als Vermächtnis: Die AGMO e.V. aus Bonn

Posted on 23. Oktober 2012 von


BONN – Die AGMO e.V. kämpft für das „Deutschtum” in Polen. Sie hat Kontakte sowohl nach rechtsaußen als auch zu hochrangigen CDU-Politikern aus dem „Vertriebenen”-Milieu. Ein Artikel von Jörg Kronauer aus der aktuellen Ausgabe #49 der „LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen“, Rubrik „Braunzone“.

„Deutsch sein”, sagt Hubert Beier, „ist nicht ein Mittel zum Zweck. Es ist ein Vermächtnis.” Beier lebt in Polen, in dem Städtchen Kluczbork; er gehört zur deutschsprachigen Minderheit dort. „Was ist das Wichtigste für die Deutschen in der Region?”, fragt ihn der Interviewer von der AGMO, der „Gesellschaft zur Unterstützung der Deutschen in Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen e.V.“ mit Sitz in Bonn. „Zuallererst”, sagt Beier, „müssten deutsche Kindergärten und Grundschulen” errichtet werden; sie müssten „wie Pilze” aus dem Boden schießen. Denn dann, das ist der Hintergedanke, könnten die Kinder aus der deutsch-sprachigen Minderheit Polens von klein auf Deutsch sprechen. Die deutsche Sprache aber, das meint jedenfalls Beier, sei „das Wichtigste für den Erhalt der deutschen Identität der deutschen Volksgruppe” in Polen. „Das Bewusstsein als Deutsche” aber, so fährt er fort, „wird unser Handeln prägen.” Und die AGMO? Die ist, lobt Beier, „die Organisation, die sich seit Jahrzehnten für die deutsche Muttersprache einsetzt”. Und damit eben auch für „deutsches Bewusstsein und Handeln”.

Subversive Jahre

Die AGMO ist seit über 30 Jahren in Polen aktiv. Gegründet wurde sie 1980 als „Arbeitsgemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Ostdeutschland“ innerhalb der „Schlesischen Jugend“. Mit „Ostdeutschland” war Polen gemeint, mit „Menschenrechtsverletzungen” die Tatsache, dass die Regierung in Warschau nicht gewillt war, die Gründung völkischer Deutschtumsverbände zuzulassen. Die AGMO unterstützte verschiedene Gründungsversuche, etwa die Bemühungen Ende 1984, Anfang 1985, in Katowice einen „Verband der Deutschen“ zu etablieren. Bald darauf begleitete sie die Arbeit des illegalen, faktisch allerdings tolerierten „Deutschen Freundschaftskreises in Schlesien“. „Es war damals nicht ungefährlich, Kontakte mit den in der Heimat verbliebenen Deutschen herzustellen und zu unterhalten”, berichtet sie heute über ihre subversiven Aktivitäten, die darauf abzielten, die deutschsprachige Minderheit Polens im Sinne der Bundesrepublik zu mobilisieren. Auch Hubert Beier betätigte sich damals schon als „Deutschtums”-Kämpfer; er nahm, wie er berichtet, „häufig an geheimen Treffen im Untergrund” teil. Aus derlei Untergrundstrukturen stammte unter anderem eine Petition, für die die AGMO 1988 Unterstützung in der Bundesrepublik suchte. Sie trug den Titel: „Hilferuf des gefährdeten Deutschtums”.

Seit 1990 ist die AGMO ganz offiziell in Polen aktiv, vorwiegend – das ist ihrer Herkunft aus der „Schlesischen Jugend“ geschuldet – im Süden des Landes. Ihre Tätigkeit bestand zunächst vor allem darin, die nun legalen Organisationen der deutschsprachigen Minderheit, insbesondere die „Deutschen Freundschaftskreise“ (DFK), „in organisatorischen Fragen zu beraten sowie durch Hilfslieferungen und finanziell zu unterstützen”, schreibt sie über sich selbst. „Die Ortsverbände wurden von AGMO-Mitgliedern betreut und durch Lieferung von Büromaterialien, mehreren Tonnen deutscher Bücher für die Einrichtung von DFK-eigenen Bibliotheken in neu entstehenden Kulturhäusern sowie Hilfsgütern für Bedürftige unterstützt”, berichtet sie weiter: Die „Deutschtums”-Infrastruktur in Polen blühte auf, die „Vertriebenen”-Organisation mit Sitz in Bonn wirkte tatkräftig mit. „Ein kurzerhand in Groß Strehlitz” – gemeint ist Strzelce Opolskie –„eingerichtetes Büro koordinierte den bereits im Untergrund begonnenen Aufbau der Verbandsstrukturen”, berichtete letztes Jahr die „Preußische Allgemeine Zeitung“. Das Büro existiert bis heute, ebenso die DFK-Strukturen, die eine zentrale Rolle im polnischen „Deutschtums”-Geflecht spielen und mit denen die AGMO weiterhin eng kooperiert.

Die Asche der Freikorps- Kämpfer

Gegenwärtig ist die AGMO vor allem mit kleineren Projekten in den einst deutschen Teilen Polens aktiv, deren staatliche Zugehörigkeit sie gelegentlich mit der Formulierung „Oder-Neiße-Gebiete” elegant übergeht. Sie führt Deutschwettbewerbe durch, kümmert sich laut Eigenangaben um „Fragen der Staatsangehörigkeit” und integriert „die oftmals vergessenen Wehrmachtsangehörigen” in ihre Arbeit. 2011 Jahr veranstaltete sie eine Kranzniederlegung in Góra Świętej Anny, dem früheren Annaberg, der als Symbol für „Deutschtums”-Kämpfe gilt, seit im Mai 1921 deutsch-völkische Milizionäre aus den berüchtigten Freikorps ihn im Kampf gegen polnische Truppen stürmten. Ein Massengrab in Góra Świętej Anny, das mit Mitteln der AGMO zu einer Gedenkstätte umgestaltet worden ist, enthält nicht nur die sterblichen Überreste von Wehrmachtssoldaten, sondern auch die Asche diverser Freischärler, die beim „Sturm auf den Annaberg“ 1921 ihr Leben ließen. Von der Kranzniederlegung dort, die in Polen nur als Provokation verstanden werden kann, hielten sich selbst der deutsche Botschafter und Organisationen der deutschsprachigen Minderheit bewusst fern.

Zentral ist für die AGMO die Forderung nach Einrichtung deutschsprachiger Kindergärten und Grundschulen. Im August 2007 hat sie eine Studie zum muttersprachlichen Deutschunterricht in Polen veröffentlicht, die diese Forderung untermauern soll. Schließlich gilt, wie es der AGMO- Freund Hubert Beier ausgedrückt hat, die deutsche Sprache als „das Wichtigste für den Erhalt der deutschen Identität der deutschen Volksgruppe” in Polen. Deutschsprachige Kindergärten und Grundschulen müssten „flächendeckend” aufgebaut und in Eigenregie von der deutschsprachigen Minderheit verwaltet werden, verlangt die AGMO; sie spricht von „mindestens 300 Grundschulen (mit vorbereitenden Vorschulklassen in Kindergärten)”. Geld dürfe dabei keine Rolle spielen; man könne für Minderheitenschulen gewiss auch EU-Mittel mobilisieren.

Kulturkampf

Das Personal der AGMO kennt man zum Teil aus ultrarechten Kreisen. Der Gründer, langjährige Vorsitzende und heutige Ehrenvorsitzende Peter Oprzondek etwa gab der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ Ende der 1990er Jahre ein Interview, als diese noch NPD’ler zum Gespräch einlud. Manfred Weinhold, Beisitzer im AGMO-Vorstand, ist Autor eines Werkes über „Deutschlands Gebietsverluste 1919-1945”, das der extrem rechte „Arndt-Verlag“ publiziert hat. Ein Rezensent aus „Vertriebenen”-Kreisen wies einst erfreut darauf hin, man erfahre in dem Band, dass der deutsch-polnische Grenzbestätigungsvertrag von 1990 nicht für die „Freie Stadt Danzig” gelte. Tobias Norbert Körfer, der als AGMO-Vorsitzender fungiert, seit die Organisation im April 2011 einen Generationswechsel vollzogen hat, gehört rechtskatholischen Kreisen an. Er hat eine Petition des Münsteraner „Kardinal-von-Galen-Kreises“ unterzeichnet, die sich beim Papst darüber beschwert, dass einige Bischöfe sich weigerten, fortschrittliche Theologen „aus ihrem Lehramt zu entfernen”. Als Joseph Ratzinger aka Benedikt XVI. Anfang 2009 schlechte Presse erhielt, weil er dabei war, einen Holocaust-Leugner zu rehabilitieren, schimpfte Körfer auf „www.jungefreiheit.de“ über einen angeblichen „Kulturkampf”: „Das ist das erste Mal, daß ich einen Kommentar bei der Jungen Freiheit mit meinem vollen Namen unterschreibe. Man kann ja nicht vorsichtig genug sein.”

Körfer, im Ehrenamt Leiter der „Breslauer Sammlung“ in Köln, wird von der Kölner CDU als Leiter ihres „Arbeitskreises Europa“ aufgeführt. Stephan Krüger, AGMO-Schriftführer und ehrenamtlich Mitarbeiter der „Breslauer Sammlung“, ist Mitglied im Bundesvorstand der „Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung“ der CDU. In deren NRW-Landesvorstand ist mit Oliver Grzimek ein Beisitzer im AGMO-Vorstand vertreten. Die AGMO, die nach rechts recht offen ist und in Polen höchst provokativ auftritt, hat zudem gute Kontakte zu einflussreichen CDU-Politikern. In jüngster Zeit ist ihr Vorstand nicht nur vom CDU-Bundestagsabgeordneten Klaus Brähmig empfangen worden, sondern auch von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Engeren Kontakt hat sie zum Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen, Hartmut Koschyk (CSU), der in den 1980 Jahren als Bundesvorsitzender der „Schlesischen Jugend“ in die subversiven AGMO-Aktivitäten involviert war und diese auch während seiner Zeit als Generalsekretär des „Bundes der Vertriebenen“ von 1987 bis 1991 unterstützte. Nach einem Treffen am 4. Mai 2011 berichtete die AGMO stolz: „Koschyk versicherte den AGMO-Vertretern, dass die Bundesregierung die Bemühungen zur Verbesserung der muttersprachlichen Situation der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen nachhaltig unterstützt.” Für’s Deutschtum tut auch die Bundesregierung eben alles.

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