K/WF: Andreas Molau kapituliert

Posted on 30. Juli 2012 von


Köln/Landkreis Wolfenbüttel – „Und so einer wollte mal NPD-Vorsitzender werden! Gut, dass ‚uns Udo‘ das 2009 zusammen mit Kameraden Rieger verhindert hat“, kommentierte ein Diskutant im neonazistischen Internetportal „Altermedia“ den am Wochenende bekannt gewordenen „Ausstieg“ von Andreas Molau (WF), zuletzt Parteivorstandsmitglied von „pro NRW“ und 2009 mit Udo Voigt konkurrierender NPD-Funktionär.

ndr info, publikative, taz und störungsmelder berichteten. Ein Interview mit Molau findet sich hier.

Das Huhn oder das Ei…

Noch am gestrigen sonntäglichen Abend meldete sich „pro NRW“ in Form einer Pressemitteilung zu Wort. Schon mit der Überschrift „Andreas Molau legt auf Wunsch des PRO-NRW-Vorsitzenden alle Ämter nieder“ wird versucht, politisch Kapital aus Molaus Rückzug zu schlagen. „In der Vergangenheit“ sei „der extremistische Vorlauf von Molau vom politischen Gegner immer wieder gezielt gegen die PRO-Bewegung instrumentalisiert“ worden, „um diese zu diskreditieren“, so „pro NRW“. Und da „das Ganze immer wichtiger“ sei „als persönliche Befindlichkeiten oder Einzelinteressen, hat sich PRO NRW nunmehr zur Trennung von Andreas Molau entschlossen.“ Reichlich unglaubwürdig erscheint diese angebliche Eigeninitiative von „pro NRW“ vor dem Hintergrund, dass Molau angeblich „auf ausdrücklichen Wunsch des Parteivorsitzenden Markus Beisicht […] bereits Anfang Juni 2012 alle Parteiämter niedergelegt und sich aus der Bürgerbewegung zurückgezogen“ habe. Es bleibt die Frage, wieso „pro NRW“ fast zwei Monate hat verstreichen lassen, um dieses mitzuteilen.

 Sackgasse

Molau ist damit am Ende seiner politischen Karriere angekommen. Ein Ende, das nicht überraschend kommt und eine Frage der Zeit war. Er nähere sich „pro NRW“-Chef Markus Beisicht an, so NRW rechtsaußen am 3. Dezember 2011: „Dessen Liedchen schmettert er kräftig. […] Eine andere Chance im Bereich der Parteipolitik bleibt ihm nicht mehr.“ Nun ist auch diese letzte vermeintliche Chance dahin. Und die Verfassungsschutzämter dürfen sich vielleicht sogar über einen neuen Informanten freuen.

 Aus aktuellem Anlass dokumentieren wir zu diesem Thema einen Artikel aus der aktuellen LOTTA-Ausgabe #48, erschienen am 2. Juli 2012:

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 Von Jens Büttner

 Öffentlichkeitswirksam scheitern

Ein extrem rechter Kader unter der Lupe: Andreas Molau

 Wie klingt ein „Rechtsdemokrat“? Vielleicht so: „Ich bekenne mich zu diesem Grundgesetz und das lasse ich mir von niemandem nehmen“, so Andreas Molau auf einer Kundgebung von „pro NRW“ in Mönchengladbach im Oktober 2010. Und wie kann ein „Rechtsdemokrat“ sonst noch klingen? Zum Beispiel so: „Wir, der nationale Widerstand, werden uns mit allen Mitteln dagegen wehren, dass Straßenzug um Straßenzug entdeutscht wird (…). Wir wollen keine Durchmischung unseres Volkes. Deutschland bleibt das Land der Deutschen!“, so Andreas Molau auf einer NPD-Demonstration in Hildesheim im Oktober 2007. Drei Jahre liegen zwischen diesen Zitaten, drei Jahre und die Wanderung Andreas Molaus durch das extrem rechte Parteienspektrum von der neonazistischen NPD bis zur „rechtsdemokratischen“ „Bürgerbewegung pro NRW“. Molaus Wandlungsfähigkeit zeigt sich beispielsweise an seiner Einschätzung der Attentäter vom 20. Juli 1944. Die bezeichnete er noch 2009 gegenüber der NPD-Parteizeitung „Deutsche Stimme“ als „Verräter“. Auf dem Blog „freiheitlich.org“ nennt Molau sie 2011 dann schon „mutige Männer“. Andreas Molaus Biographie macht also den Eindruck, hier irrlichtere jemand planlos durch die extreme Rechte. Ganz so einfach ist es aber nicht.

 Neue Rechte und „Junge Freiheit“

Molau, Jahrgang 1968, erlebte seine politische Sozialisation unter anderem im völkisch-bündischen „Bund Heimattreuer Jugend“ und später, als Lehramtsstudent in Göttingen, in einer Hochschulgilde. Der Dachverband dieser studentischen Korporationen, die „Deutsche Gildenschaft“, hat seinen Ursprung ebenfalls im völkischen Teil der bündischen Jugend. Wesentliche Figuren der so genannten Neuen Rechten, die zu Beginn der neunziger Jahre eine Intellektualisierung der Rechten anstrebte, sind Gildenschafter: Dieter Stein, Götz Kubitschek und Karlheinz Weißmann. Aus dieser biographischen Phase stammen wohl auch die bis heute immer wieder genannten wichtigsten ideologischen Einflüsse Molaus: Henning Eichberg, Armin Mohler sowie historisch Arthur Moeller van den Bruck und die Konservative Revolution. Daneben ist Molau wohl auch geprägt von den Thesen des Vordenkers der französischen Nouvelle Droite, Alain de Benoist, der besonders die Bedeutung des Vorpolitischen für die von ihm angestrebte „Kulturrevolution von rechts“ hervorhebt. Auch Molau arbeitete zunächst vor allem in diesem Bereich. Obwohl nicht journalistisch vorgebildet, übernahm er den Kulturteil der „neurechten“ Hauspostille „Junge Freiheit“ (JF). Aus der Redaktion der JF schied Molau schon 1994 wieder aus. Hintergrund war ein redaktionsinterner Streit um einen Artikel Armin Mohlers. Die Chefredaktion um Dieter Stein bemängelte eine zu geringe Distanz zum Revisionismus. Dahinter standen jedoch auch Differenzen um die Ausrichtung der Zeitung. Stein wollte offenbar auf zu pointierte rechte Thesen zugunsten einer größeren publizistischen Wirkmächtigkeit verzichten. Dies bezeichnete Molau im Nachhinein als „Anpassungskurs, um geliebt zu werden von diesem System“.

Nach seiner Zeit bei der JF kam Molau bei der extrem rechten „Verlagsgesellschaft Berg“ von Gert Sudholt unter und arbeitete in der Redaktion der revisionistischen Zeitschrift „Deutsche Geschichte“. 1995 gab er den Sammelband „Opposition für Deutschland“ heraus. Hier beschreibt Molau seinen politischen Anspruch, „alle Rechten, Konservativen, Nationalen (…) gedanklich an einen Tisch zu bringen“.

Waldorfpädagoge

Mitte der Neunziger wurde es ruhig um Molau, ab diesem Zeitpunkt war er als Lehrer in einer Braunschweiger Waldorfschule aktiv. Seine Arbeit als Waldorflehrer endete 2004, nachdem er angekündigt hatte, eine Stelle bei der NPD anzunehmen. Ein NPD-Funktionär, der jahrelang ungestört an einer Waldorfschule unterrichten konnte? Das produzierte in der anthroposophischen Community, die peinlichst darauf bedacht ist, jeden Verdacht extrem rechten Gedankenguts von sich zu weisen, einen veritablen Skandal. Molau wurde entlassen. Auch wenn Molau seinen Kolleg_innen nicht als Rechter aufgefallen sein will, steht seine Tätigkeit als Waldorflehrer nicht im

Widerspruch zu seinen sonstigen Positionen. Nicht umsonst plante er nach seiner Entlassung, eine eigene, an der Waldorfpädagogik orientierte Schule zu gründen. In einem Interview mit der islamistischen Website „Muslim-Markt“ von 2006 bezieht er sich auf Rudolf Steiners völkische Überlegungen: „Deutsch zu sein ist natürlich zunächst einmal Schicksal. Man wird in das Strombett seines Volkes hereingeboren, wie Rudolf Steiner dies einmal nannte, und ist damit schicksalhaft mit diesem verbunden.“ 2007 wollte Molau gemeinsam mit dem Vordenker der Waldorfpädagogik Lorenzo Ravagli ein Buch veröffentlichen, das jedoch kurz vor seiner Veröffentlichung auf Betreiben Ravaglis zurückgezogen wurde. Und noch in einem Interview mit der „neurechten“ Zeitschrift „Blaue Narzisse“ von 2010 lobt Molau den der anthroposophischen Waldorfpädagogik inhärenten Autoritarismus: „Es ist absolut wegweisend, dass Steiner in den ersten acht Klassenlehrerjahren vom Prinzip der geliebten Autorität sprach. Also die ersten acht Jahre werden Kinder und Jugendliche von einem Klassenlehrer betreut. (…) Für diese Jahre sieht die Waldorfpädagogik vor, dass nicht diskutiert wird.“

NPD

Auch als NPD-Mitarbeiter fielen ihm zunächst Aufgaben zu, die, wie etwa die stellvertretende Chefredaktion der „Deutschen Stimme“ oder die Übernahme des „Amtes Bildung“ beim NPD-Bundesvorstand im Jahr 2007, in sein Profil passten. Dass Molau von 2005 bis 2010 auch Vorsitzender der „Gesellschaft für freie Publizistik“ war, passt sich ebenfalls in das Bild des intellektuellen Arbeiters im vorpolitischen Raum ein, das Molau von sich selbst transportiert. Sehr schnell jedoch begab er sich auch in das Alltagsgeschäfts der Partei, übernahm Ämter, kandidierte für den Bundestag und trat 2008 als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Niedersachsen an. 2009 begab er sich in einen Machtkampf um die Parteiführung. Er kündigte an, bei der Wahl des Bundesvorsitzenden gegen den amtierenden Vorsitzenden Udo Voigt anzutreten, der dem NS-orientierten Flügel der NPD angehört. Unterstützt wurde Molau von Udo Pastörs, dem Vorsitzenden der NPD-Fraktion im mecklenburg-vorpommerschen Landtag, bei der er inzwischen angestellt war, sowie vom angeblich „gemäßigten“ Flügel der Partei. Molau sah sich, entsprechend seiner politischen Herkunft, als Mittler zwischen verschiedenen Strömungen der Rechten: „Wir müssen, wenn sie da nicht schon längst sind, auch die enttäuschten Konservativen ansprechen, die darunter leiden, daß hierzulande Werte mit Füßen getreten werden.“ Schon damals wurde Molau vermutlich vom deutsch-schwedischen Unternehmer und Multimillionär Patrik Brinkmann und seiner dubiosen „Kontinent Europa Stiftung“ gefördert. Molaus Forderung, die Partei für Konservative zu öffnen, wurde ihm vor allem von Nazi-Anwalt Jürgen Rieger, einer der damals wichtigsten Figuren in der NPD, als Schwäche ausgelegt. Hinter der Kandidatur Molaus wurden „zionistische Kräfte“ vermutet. Der Machtkampf innerhalb der NPD, der vor dem Hintergrund der Unterschlagungsaffäre um den ehemaligen Bundesschatzmeister Erwin Kemna stattfand, war dennoch weniger ein Kampf um politische Positionen als einer um die Einflusssphären der NPD-Landtagsfraktionen und um persönliche Eitelkeiten. Molau selbst spielte dabei im Grunde eine untergeordnete Rolle. Als Pastörs ihm schließlich die Unterstützung versagte, um selbst zu kandidieren, zog Molau seine Kandidatur für den Bundesvorsitz zurück. Seine Zeit in der NPD war Geschichte.

DVU

Bis zu seiner Tätigkeit bei der NPD hatte sich Molau vor allem im vorpolitischen Raum oder, um es in der Sprache des vermeintlichen Intellektuellen selbst zu sagen, im „metapolitischen Bereich“ bewegt. Dessen Bedeutung streicht er bis heute bei fast jeder sich bietenden Gelegenheit heraus. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich seine gesamte Intellektualität in dieser einen These erschöpft. Der Politologe Richard Stöss stellte 2008 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ spöttisch fest: „(…) um die Intellektualisierung der NPD ist es schlecht bestellt. Im Augenblick gilt ja Andreas Molau als Chefideologe der Partei. Bislang ist er aber nicht gerade durch seine theoretischen Abhandlungen aufgefallen“. Auch sein Selbstverständnis als Mittler zwischen verschiedenen Strömungen der Rechten ist eher Selbstbetrug. Am Machtkampf in der NPD 2009 zeigt sich zudem, dass das politische Alltagsgeschäft nicht so recht Molaus Sache sein will. Offensichtlich verfügte er weder über genügend Durchsetzungskraft noch über die nötige Hausmacht in der Partei, um diese Auseinandersetzung für sich zu entscheiden. Ein Weg zurück in die Unauffälligkeit seiner Lehrer-Existenz, vielleicht begleitet durch ein paar „metapolitische“ journalistische und literarische Fingerübungen, war ihm jedoch nach seinem Abgang aus der NPD verstellt. Dafür hatte er sich seit 2004 zu sehr exponiert. Also blieb Molau auch nach seiner Zeit bei der NPD nichts übrig, als sich weiterhin parteipolitisch zu betätigen. Die nächsten Schritte machte er als Pressesprecher der schon kurz vor ihrem Ende stehenden DVU. Dass Molau nun zur DVU wechselte, hatte vor allem mit einer anderen Person zu tun: Patrik Brinkmann. Der wollte sein Projekt der Schaffung einer erfolgreichen Rechtspartei in der BRD bei der DVU neu beginnen. Für Molau bot sich durch Brinkmann eine Anschlussbeschäftigung nach dem Ende seiner Anstellung bei der NPD. Einiges spricht auch dafür, dass viele der öffentlichen Statements und Texte Brinkmanns auf Molau zurückgehen.

Pro NRW

Und so überrascht es kaum, dass sich nach dem Intermezzo in der DVU sowohl Brinkmann als auch Molau bei der rechtspopulistischen „Bürgerbewegung pro NRW“ um den Leverkusener Anwalt Markus Beisicht wiederfanden. Über Beisicht hatte Molau noch 2009 gegenüber der „Deutschen Stimme“ wenig Charmantes zu sagen: „Im übrigen wird der ewig lächelnde Herr Beisicht spätestens nach der Landtagswahl in NRW erfahren, was mit Leuten geschieht, die zu hoch zu Roß sitzen.“ Anfang 2010 wurde öffentlich, dass Brinkmann und damit auch Molau zu pro NRW wechseln würden. Dies stellte nun aber „pro NRW“ vor ein Problem. Denn die „Rechtsdemokraten“, bei denen NPD und Freie gemeinhin als „NS-Narrensaum“ gelten, achteten kurz vor der NRW-Landtagswahl im Mai 2010 genau darauf, nicht in den Ruch zu kommen, eine Neonazi-Partei zu sein. Eine Figur wie Molau, die mehr oder weniger direkt aus dem „Narrensaum“ kommt, steht dem diamentral entgegen. Daher wurde Molau zunächst nicht Mitglied der Partei und agierte im Hintergrund. Wieder machte er, wie schon in den Jahren zuvor, vor allem Öffentlichkeitsarbeit, verfasste Texte und war verantwortlich für Internet-Videos, in denen „pro NRW“-Vertreter interviewt wurden.

Schon kurz nach der Landtagswahl 2010 trat Molau jedoch auch offiziell bei „pro NRW“ ein. Er begann, als Redner auf Kundgebungen aufzutreten und wurde schließlich im März 2011 auch Beisitzer im Vorstand. Molau gehört seitdem zum Führungszirkel der Rechtspopulisten.

Nicht unwahrscheinlich ist außerdem, dass Molau für das „pro NRW“-nahe Blog „freiheitlich.org“ verantwortlich ist, dessen mittlerweile revidiertes Ziel es zunächst war, die populäre rechtspopulistische Website „Politically Incorrect“ (PI) an Bedeutung in der „islamkritischen“ Szene zu überflügeln. Bei PI, das zwischen Sympathien für „pro“ und für „Die Freiheit“ changiert, ist Molau mit seiner NPD-Vergangenheit derweil zum stärksten Argument gegen „pro NRW“ geworden. Ende 2011 verkündete Patrik Brinkmann seinen vorläufigen Rückzug aus der Politik. Was genau ihn dazu bewogen hat, bleibt unklar. Jedoch hatte der fundamentalistische Christ Brinkmann, der mittlerweile in Berlin lebt, zuvor schon den Vorsitz der Berliner „pro“-Gliederung niedergelegt, weil diese einen bekennenden Schwulen als Kandidaten für eine Bezirksverordnetenversammlung nominiert hatte. Molau aber blieb bei „pro NRW“, die aber bei der vorgezogenen Landtagswahl in NRW im Mai 2012 auf lediglich 1,5 Prozent kam, trotz ihrer publicityträchtigen Tour durch NRW, bei der die „pro“-Anhänger_innen Mohammed-Karikaturen zeigten.

Sackgasse?

Für Molaus Gang über die DVU zu „pro NRW“ waren wohl Patrik Brinkmann und sein Geld ausschlaggebend. Aber auch nach Brinkmanns Abgang ist Molau nun auf die Beisicht-Truppe angewiesen. Das antifaschistische Blog „NRW rechtsaußen“ stellt fest: „Bei allen tatsächlichen und scheinbaren Brüchen in der ‚Argumentation’ des NPD-Molau und des angeblich ‚rechtsdemokratisch’ resozialisierten Molau zeigen sich doch einige Konstanten. Dazu zählt vor allem der geradezu anbiedernde Umgang mit Interviewpartnern, besonders, wenn sie für sein Vorankommen von Bedeutung sein könnten. Einst waren dies zum Beispiel Jürgen Rieger und Udo Pastörs (…). Heute nähert er sich ‚pro NRW’-Chef Beisicht so devot an. Dessen Liedchen schmettert er kräftig. Muss er auch (…), denn: Eine andere Chance im Bereich der Parteipolitik bleibt ihm nicht mehr.“ Und diese „Chance“ erweist sich mehr und mehr als Sackgasse.

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