BN: AB-Mittelrhein-Aktivist gehörte Studentenverbindung an

Posted on 26. Juli 2012 von


Bonn – Ein in Untersuchungshaft sitzender Aktivist des neonazistischen „Aktionsbüro Mittelrhein“ gehörte mehrere Jahre lang einer Bonner Studentenverbindung an. Wie der „Westdeutsche Rundfunk“ und anschließend auch „Der Spiegel“ berichteten, ist Cornelius D., den die „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ bis mindestens Ende 2011 als „Conkneipant“ führte, Mitte März im Rahmen der Razzia gegen das „Aktionsbüro Mittelrhein“ (ABM) festgenommen worden; die Behörden werfen ihm und anderen die Bildung bzw. Unterstützung einer kriminellen Vereinigung vor. Im Verfahren gegen das „Aktionsbüro Mittelrhein“, das am 20. August in Koblenz beginnen wird, geht es unter anderem auch um die Straftatbestände Brandstiftung, Körperverletzung und Landfriedensbruch.

„Conkneipant“ und „Schülerfux“
Dem Bericht des „Spiegel“ zufolge ist D. bereits im Dezember 2008 als „Schülerfux“ in die „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ eingetreten. In deren internem Mitteilungsblatt schrieb er im Mai 2009, er sei von der Burschenschaft „sehr angetan, da nicht nur die politischen Interessen der Raczeks mit meinen übereinstimmen, sondern auch der Gedanke an unsere deutsche Heimat […] hochgehalten“ werde. Noch im Dezember 2011 wird D. in einer internen „Raczek“-Liste als „Conkneipant“ geführt; als „Conkneipanten“ werden im eigentümlichen Sprachgebrauch der Studentenverbindungen Personen bezeichnet, die nicht Vollmitglied werden können, weil sie nicht studieren, die man aber aufgrund anderweitiger Verdienste fest in die Gemeinschaft einbinden will. Insofern mutet die Behauptung der „Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ etwas eigentümlich an, sie habe D. „zum Jahreswechsel bei uns gestrichen“, „nachdem er sich für einen Ausbildungsberuf entschieden habe“. Den Status eines „Conkneipanten“ hätte die unakademische Berufswahl nicht zwingend berührt.

Becker vs. Weidner
Die „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ ist in den vergangenen Monaten gleich mehrmals in die Schlagzeilen der überregionalen Medien geraten, zuletzt Anfang Juli, als zwei „Raczek“-Mitglieder gegeneinander prozessierten. NRW rechtsaußen berichtete. Ein „Alter Herr“ der Burschenschaft, Christian Becker, hatte einem anderen, Norbert Weidner, vorgeworfen, „höchstwahrscheinlich einer der Köpfe“ einer „rechtsextremen Bewegung“ zu sein, „die aus Burschenschaften, NPD und Kameradschaften besteht“. Damit spielte Becker, der – nach jahrelangem Schweigen – nun gegen den extrem rechten Flügel innerhalb des Dachverbandes „Deutsche Burschenschaft“ (DB) vorgeht, auf enge Kontakte zwischen Burschenschaftern und NPD’lern sowie zuweilen auch Aktivisten militanter Neonazi-Organisationen wie etwa des „Aktionsbüro Mittelrhein“ an.

„Nationalisten an den  Universitäten“
Tatsächlich hatten Neonazis schon in den 1990er Jahren Strategien entworfen, denen zufolge die Burschenschaften mit ihren „unzeitgemäßen“ Riten und ihrer deutschtümelnden Tradition von der extremen Rechten als politische Basis an den Hochschulen genutzt werden könnten. „Im Zuge der vielbeschworenen und notwendigen Intellektualisierung des nationalen Lagers“ sei es „angebracht, sich verstärkt studentischer Korporationen anzunehmen“, schrieb damals der Vorsitzende der NPD-Studierendenorganisation („Nationaldemokratischer Hochschulbund“), Dietmar Engelhard; in den Studentenverbindungen treffe man schließlich häufig „ein gesundes Verhältnis zu traditionellen Werten und Idealen“ an, „das man beim Rest der angehenden Akademikerschaft oft vergeblich sucht“. Im April 2000 warb der „Nationaldemokratische Hochschulbund“ offen für den Eintritt in Burschenschaften, weil „Nationalisten an den  Universitäten“ sich so „eine Plattform innerhalb der Studentenschaft schaffen“ könnten. Kurz zuvor – im Jahr 1999 – war Norbert Weidner in die „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ eingetreten.

Weidner ist „einer der Köpfe“
Laut Urteil des Bonner Landgerichts darf Weidner als „einer der Köpfe“ dieser „rechtsextremen Bewegung“ bezeichnet werden. Die Aktivitäten dieser Strömung innerhalb der extremen Rechten werden seit Jahren offen in der „Deutschen Burschenschaft“ (DB) diskutiert; Abgrenzungsversuche der – klar in der Minderheit befindlichen – konservativen Bünde zeichnen sich in einer ernst zu nehmenden Weise erst seit letztem Jahr ab. Bereits 2009 hieß es jedoch in der Verbandszeitschrift „Burschenschaftliche Blätter“: „Verbandsbrüder in der NPD setzen gezielt auf eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Burschenschaft.“ Der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen W. Gansel („Burschenschaft Dresdensia Rugia zu Gießen“) wurde mit der Äußerung zitiert, seine Partei setze nach ihren Wahlerfolgen in Sachsen auf eine „Sogwirkung im rechtsgerichteten Studenten- und Verbindungsmilieu und eine steigende Attraktivität der Partei für Akademiker“.

Dürftige Antwort in eigener Sache
Während die extrem rechten Aktivitäten innerhalb der DB mittlerweile die überregionalen Medien beschäftigen, erklärt die Bundesregierung in einer aktuellen Antwort auf eine Anfrage im Deutschen Bundestag, ihr lägen „keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür vor, dass der Dachverband der „Deutschen Burschenschaft“ (DB) Bestrebungen verfolgt, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind“. Die Bundesregierung spricht dabei gewissermaßen in eigener Sache: Ihr gehört mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer ein „Alter Herr“ der – zur DB zählenden – Münchener Burschenschaft „Franco-Bavaria“ an. Der inhaftierte Neonazi Cornelius D. hätte Ramsauer also jederzeit „Verbandsbruder“ nennen dürfen.

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