D: Extrem rechte russlanddeutsche Kundgebung vor dem Landtag

Posted on 12. Juli 2012 von


Düsseldorf – Für den 4. August hat das extrem rechte russlanddeutsche Spektrum unter dem Motto „Das Deutsche Volk hat ein Recht auf die Deutsche Heimat“ zu einer Kundgebung vor dem Landtag in Düsseldorf aufgerufen.  Gefordert wird ein „Nationaler Gedenktag für die Opfer von Vertreibung“.

Schon mehrfach hatten in den letzten Jahren extrem rechte russlanddeutsche Organisationen rund um die „Russlanddeutschen Konservativen“ und die „Schutzgemeinschaft ‚Deutsche Heimat‘ der Deutschen aus Rußland“ ihre Proteste in Kundgebungsform vor dem nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf vorgetragen, so beispielsweise am 23. August 2008 (die Düsseldorfer Stadtzeitung TERZ berichtete) und am 18. April 2009 („Klarmanns Welt“ berichtete) „gegen die Fälschung der Geschichte der Rußlanddeutschen“.  Dabei bestand stets eine enge Anbindung an die NPD, beispielsweise über den „Arbeitskreis der Russlanddeutschen in der NPD“. Nun scheint das extrem rechte russlanddeutsche Spektrum eine weitere Partei gefunden zu haben, die als politische Plattform dienen soll: die völlig bedeutungslose, dafür aber vermutlich umso einfacher übernehmbare Kleinstpartei „Bund für Gesamtdeutschland“.

Über diese Neuorientierung  und die geplante Kundgebung berichtet Michael Klarmann auf „blick nach rechts„.

Aus aktuellem Anlass dokumentieren wir zu diesem Thema einen Artikel aus der Ausgabe #32 der LOTTA, erschienen am 1. September 2008:

Von Jörg Kronauer
Heim ins Reich?
Deutschbewusste Russlanddeutsche

Die NPD hat einen „Arbeitskreis der Russlanddeutschen“ gegründet. Die Partei will sich ein neues Wähler-Potenzial erschließen und die Aussiedler großspurig für deutsch-russische Achsenpläne nutzen. Neonazistische „Rasse“-Spezialisten sind empört: Sie attestieren den Russlanddeutschen ein schwaches Germanen-Gen und wollen sie lieber weiter verprügeln als mit ihnen kooperieren. Agitationsobjekte der NPD sind die Mitglieder der „Landsmannschaft der Deutschen aus Russland“ aus dem „Bund der Vertriebenen“, einer staatsnahen Organisation.

Andrej Triller ist unzufrieden. „Uns wird gesagt“, berichtet er, „dass die NPD eine rechtsradikale Partei ist“. Triller teilt diese Einschätzung nicht. Ganz im Gegenteil, er hält die Politik der Partei für zu lasch. „Bei der heutigen Lage in Deutschland können wir sagen, dass die NPD die Interessen des Deutschen Volkes anscheinend nicht ausreichend verteidigt“, kritisiert er und zieht die Konsequenzen: Um „solche Vorwürfe äußern zu dürfen, müssen wir auch selbst etwas tun, um die Interessen unseres Volkes und unseres Vaterlandes zu schützen.“ Und was tut man da als Russlanddeutscher? Ganz richtig: Man tritt in die Partei ein und gründet den „Arbeitskreis der Russlanddeutschen in der NPD“.

Am 23. Februar 2008 hat Triller gemeinsam mit russlanddeutschen Kameraden ebendies getan. Damit ist ein Annäherungsprozess zumindest vorläufig zum Abschluss gekommen, der fast ein Jahr zuvor begonnen hatte. Ende April 2007 hatte NPD-Bundesgeschäftsführer Frank Schwerdt mitgeteilt, es seien in der Berliner NPD-Zentrale „verschiedene Deutsche“ zusammengetroffen, „die erst in der letzten Zeit aus Rußland ausgesiedelt wurden und die in der Heimat ihrer Vorväter nun seßhaft werden wollen“. Sie hätten den „Wunsch“ geäußert, „innerhalb der NPD einen Arbeitskreis zu bilden“. Sämtlichen Beteiligten war die Brisanz des Vorhabens bewusst. „Es müssen noch viele Vorurteile abgebaut werden, meinten die anwesenden Russlanddeutschen“ – so schrieb Frank Schwerdt in der Pressemitteilung, in der er von der Zusammenkunft berichtete. Und als wenige Monate später, im September 2007, ein Russlanddeutscher im niedersächsischen NPD-Wahlkampf auftrat – ein Testballon -, da entbrannte die Szene-Debatte um die Aussiedler in der NPD in vollem Umfang.

„NPD = Kanakenpartei?“

Hintergrund ist die solide Alltagsfeindschaft zwischen der Mehrheit der Neonazis und Aussiedlern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Viele Russlanddeutsche sprechen mit mehr oder weniger starkem Akzent Deutsch, verwenden die russische Sprache und haben Elemente einer eigenständigen Kultur. Für die extreme Rechte unterscheiden sie sich damit nicht von allen anderen Migrantinnen und Migranten. Die immer wieder vorkommenden Neonazi-Überfälle auf Aussiedler sind nur der brutalste Beleg dafür. Entsprechend wütende Kommentare waren denn auch in einschlägigen Internet-Foren zu lesen, als der erwähnte Russlanddeutsche im NPD-Wahlkampf in Hannover aufgetreten war. „Was bitte als nächstes?“, fragte ein Neonazi empört: „Beim nächsten Wahlkampfauftakt spricht wahrscheinlich noch ein Halbjude…“ Völlig eingeschnappt reagierte ein zweiter: „NPD = Kanakenpartei?“

Dabei gerät die extreme Rechte in Widerspruch zu ihrem völkischen Axiom. Diesem zufolge zeichnet sich das „deutsche Volk“ durch gemeinsame biologische Abstammung aus – eine Ideologie, die auch dem deutschen Staatsangehörigkeitsrecht zugrunde liegt. Weil die Russlanddeutschen von Vorfahren abstammen, die im 18. oder im 19. Jahrhundert aus dem deutschen Sprachgebiet nach Russland ausgewandert sind, gehören sie nach völkischer Logik zum „deutschen Volk“ und haben prinzipiell auch das Recht, aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in die Bundesrepublik einzuwandern – als „Aussiedler“.

Genauso sehen es NS-Ideologen. „Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist“, zitierte in der Debatte um die Russlanddeutschen ein Neonazi auf altermedia.info aus dem 25-Punkte-Programm der NSDAP und erläuterte: „Es ist ein Frage des Blutes, nicht nach dem Ort wo er geboren wurde. Als Lektüre empfehle ich da Dr. Hans F.K. Günter, Rassenkunde des deutschen Volkes.“ Unter Rückgriff auf den NS-„Rassepapst“ dozierte der Neonazi weiter: „Die Mauer in den Köpfen (…) zwischen BRD-Deutschen und Volksdeutschen aus Russland (…) ist Stimmungsmache gegen das eigene Volk, damit es nie vereint und stark wird.“

Wählerpotenzial

Die Fachdebatte unter den Hobby-Genetikern der extremen Rechten ist längst nicht abgeschlossen. „Viele Russlanddeutsche haben nur eine deutsche Großmutter, aber keinen deutschen Großvater“, will ein Experte auf „altermedia.info“ in Erfahrung gebracht haben. Er schlussfolgert: „‚Russlanddeutsche‘ sind 7/8 Russen bzw. sonstige Slawen“. „Halbdeutsche“ könne man möglicherweise „gemäß der mendelschen Lehre zu einem reinerbigen Vertreter ‚zurückzüchten'“, „bei 1/8tel“ sei das aber „unwahrscheinlich“. Während der Streit die völkischen Rassisten in der Szene weiter beschäftigt, hat die NPD sich jetzt für die Kooperation mit den Russlanddeutschen entschieden. Das hat vor allem wahltaktische Gründe: Fast 2,5 Millionen Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion leben in Deutschland. Die Partei will sie als Wählerpotenzial erschließen. Jüngstes Beispiel ist ein Treffen zwischen der NPD Düren und Russlanddeutschen am 13. Juni. Er habe bei seinen Annäherungsversuchen vor allem die Kommunalwahl 2009 im Blick, bestätigte der Dürener NPD-Kreisvorsitzende Ingo Haller, seit kurzem auch Mitglied im NPD-Landesvorstand NRW.

Besonders aktiv bei der Kooperation zwischen Russlanddeutschen und der NPD ist eine Organisation, die ihren eigenen Namen offenbar nicht so richtig kennt. Die „Russlanddeutschen Konservativen“ lautet ihre griffigste Bezeichnung, gelegentlich nennt sie sich „Freundeskreis der Russlanddeutschen Konservativen“ oder auch „Die National-Konservative Bewegung der Russlanddeutschen“. Sie gibt eine Publikation mit dem Titel „Volksdeutsche Stimme“ heraus, für die Andrej Triller vom „Arbeitskreis der Russlanddeutschen in der NPD“ die medienrechtliche Verantwortung trägt. „Es ist bekannt“, schreibt Triller, „dass am Ende des Zweiten Weltkrieges in den USA Pläne der vollständigen Vernichtung der deutschen Nation (…) entwickelt wurden. Nach diesen Plänen wurde beabsichtigt 20.000 Ärzte für die Sterilisation deutscher Bevölkerung zu mobilisieren.“ Die „Volksdeutsche Stimme“, die über ein Postfach im oberbergischen Gummersbach erreicht werden kann, verschafft dem Publikum Einblick in weitere Überraschungen dieser Gewichtsklasse. Sie bedient sich oft bei NPD-Publikationen und hat unter anderem auch das Grußwort veröffentlicht, mit dem Johann Thießen den jüngsten NPD-Bundesparteitag beglückte. Thießen gehört ebenfalls den „Russlanddeutschen Konservativen“ an, die – das teilt Triller mit – weiterhin „eng“ mit dem NPD-Arbeitskreis kooperieren wollen. Eng verbandelt sind sie zudem mit der „Schutzgemeinschaft ‚Deutsche Heimat‘ der Deutschen aus Rußland“, einem Verein, der in Düren ansässig ist – und jetzt an die Öffentlichkeit drängt. Für den 23. August hat er eine Kundgebung vor dem Düsseldorfer Landtag angekündigt. Auch die NPD ruft zur Teilnahme auf. Thießen und Triller sind derzeit ein gefragtes Team. Im Februar traten die beiden gemeinsam beim Berliner „Kulturfonds der Russlanddeutschen“ auf und diskutierten dort mit Heinrich Daub, dem Chefredakteur der russlanddeutschen Zeitschrift „Ost-West Panorama“. „Ist die ‚Fremdenfeindlichkeit‘ nicht die natürlichste Sache der Welt?“, fragte das Blatt kürzlich; zuvor hatte es einen Beitrag des „Schutzbundes für das Deutsche Volk“ publiziert. Im April nahmen Thießen und Triller an einer Tagung der extrem rechten „Deutschen Akademie“ im Kreis Unna teil, Thießen referierte dort über die Russlanddeutschen. Die „Deutsche Akademie“, teilte Mitgründer Jürgen Schwab anschließend mit, „wird ihre Zusammenarbeit auf den Gebieten politischer Bildung und Information mit national gesinnten Rußlanddeutschen verstärken.“ Ziel sei nicht nur „die Förderung der Integration von Rußlanddeutschen und anderen deutschen Aussiedlern im Nationalen Widerstand“, sondern besonders auch „ein außenpolitisches Bündnis zwischen den europäischen Staaten und Rußland, das in eine von den USA unabhängige Großraumordnung münden soll“.

Achse Berlin-Moskau

So großspurig und aufgeblasen derlei geostrategische Pläne daherkommen – sie knüpfen nicht nur an den antiamerikanischen und antisemitischen Generalkonsens in der extremen Rechten an, sondern auch an ein Kernelement russlanddeutscher Geschichte, das bis heute immer wieder prägende Wirkung entfaltet. Bereits ihre Ursprünge im 18. Jahrhundert verdanken die Russlanddeutschen der deutsch-russischen Kooperation. Am 22. Juli 1763 hatte die Zarin Katharina II. ein Manifest erlassen, in dem sie Ausländer zur Einwanderung nach Russland aufforderte; sie sollten die kaum bewohnten Weiten des riesigen Landes besiedeln und damit dessen wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben. Auf ein Echo stieß die Einladung ganz besonders in den Ländern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dem die Zarin selbst entstammte (ihr Vater war preußischer Generalfeldmarschall). Während die ersten Deutschen an die Wolga auswanderten, begannen Russland und Preußen eine folgenreiche Maßnahme: In drei Schritten annektierten sie (gemeinsam mit Österreich) jeweils neue Gebiete Polens, bis dieses 1795 schließlich von der Landkarte verschwand.

Die preußisch-russische und später dann die deutsch-russische Kooperation ist in den vergangenen 200 Jahren immer wieder zum Tragen gekommen – im Krieg gegen das napoleonische Frankreich ebenso wie in der Zeit der Weimarer Republik, als die Reichswehr in der Sowjetunion geheime Militärprogramme betrieb, und selbst in der NS-Zeit bis zum Hitler-Stalin-Pakt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts hat Russland parallel dazu nicht nur weitere Landesteile durch Deutsche besiedeln lassen, sondern auch wichtige Positionen in Armee und sogar in Ministerien an Deutsche vergeben. 1880 erreichte der Anteil der (Russland-)Deutschen etwa unter den höheren Truppenkommandos oder im russischen Außenministerium über 50 Prozent. Für eine enge deutsch-russische Kooperation gibt es viele Anknüpfungspunkte in der russlanddeutschen Tradition. Dass die „Russlanddeutschen Konservativen“ auf ihrer Website den extrem rechten Verlag „Volk in Bewegung“ verlinken, der für eine Achse Berlin-Moskau wirbt („Deutsche und Russen – Partner und Verbündete im 21. Jahrhundert“), lässt Bestrebungen in diese Richtung erkennen. Ziel ist es, im Bündnis mit Russland den verhassten Rivalen USA niederzuringen – samt der herbeihalluzinierten „Ostküsten-Verschwörung“.

Brückenköpfe

Einem solchen antiamerikanisch-antisemitischen Bündnis, das auch in der NPD immer wieder diskutiert wird, stehen bei den Russlanddeutschen jedoch gegenläufige Erfahrungen im Wege. Sie haben viel mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion zu tun. Die deutschen Kriegspläne sahen vor, die Wohngebiete der Russlanddeutschen als Brückenköpfe für die deutsche Ostexpansion zu benutzen und mit ihrer Hilfe Moskau zu schwächen. Insbesondere die an der Wolga siedelnden Russlanddeutschen, die lange Zeit weit reichende Autonomierechte besessen hatten („Autonome Wolgarepublik“), waren von NS-Deutschland dafür ausersehen. Josef Stalin, der die Techniken der deutschen „Volksgruppen“-Politik spätestens seit der Zerschlagung der Tschechoslowakei mit Hilfe der „Sudetendeutschen“ genau kannte, kam den Nazis diesmal zuvor – mit der Umsiedlung und Deportation der Russlanddeutschen nach Zentralasien oder sogar Sibirien. Die dabei erlittene Repression beeinflusst die Haltung gegenüber Moskau bei den Betroffenen bis heute.

Landsmannschaft

Die NPD zielt mit ihrer Agitation auf die Russlanddeutschen insgesamt, speziell aber auch auf deren größte Organisation: auf die „Landsmannschaft der Deutschen aus Russland“. Die 1950 gegründete Vereinigung gehört dem „Bund der Vertriebenen“ an und wird wie dieser eher staatsnah gehalten, nicht zuletzt mit Hilfe finanziellen Drucks durch die Bundesregierung. Beim letzten Bundestreffen der Landsmannschaft am 26. Mai 2007 in Wiesbaden trat der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner, ganz persönlich als Festredner auf; auch dies bringt Anerkennung und Prestige und soll die zu drei Vierteln konservativ wählenden Russlanddeutschen bei der Stange halten. Beim letzten Bundestreffen deutete sich jedoch Ärger an. Während Bergner in den Rhein-Main-Hallen sprach, standen rund zehn russlanddeutsche NPD’ler vor der Tür, verteilten Parteipropaganda und agitierten Mitglieder der Landsmannschaft. „Es waren viele positive Reaktionen zu beobachten“, berichtete einer hinterher und stufte die Aktion als „vollends gelungen“ ein. Die Spitze der Landsmannschaft musste schließlich die Polizei zu Hilfe rufen. Mit Platzverweisen wurden die Partei-Aktivisten entfernt.

Die NPD macht sich Hoffnung. „Viele deutschbewußte Aussiedler“, berichtete Johann Thießen im April bei der „Deutschen Akademie“, seien „von den ans System angepaßten Landsmannschaften der Vertriebenenverbände (…) maßlos enttäuscht“. Aus diesem Grunde wendeten sich „seit geraumer Zeit immer mehr deutschbewußte Rußlanddeutsche der NPD zu“. Ein Beispiel ist Thießens Kamerad Andrej Triller. Dieser war noch vor nicht allzu langer Zeit für die „Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland“ in NRW aktiv. Jetzt agitiert er die ehemaligen Kameraden für die NPD.

Ergänzung nach Redaktionsschluss:

Die im Artikel erwähnte Kundgebung der „Schutzgemeinschaft“ (1. Vorsitzender Johann Thießen, 1. Stellvertreter Andrej Triller) am 23. August 2008 vor dem NRW-Landtag hat zwischenzeitlich mit 80 Teilnehmern stattgefunden.

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