SO: „Anständige“ Neonazis wollen Straßenkampf und neun Millimeter

Posted on 12. Februar 2012 von


SOEST – Das „anständige Deutschland“ demonstriere in Soest, ruft Sascha Krolzig ins Mikrofon. Der Neonazi aus Hamm meint nicht die mehreren Hundert Demokraten, die an diesem Samstag in der Soester Innenstadt gegen den Auflauf seiner braunen Kameraden protestieren. Krolzig, Anmelder und Versammlungsleiter der gestrigen Neonazi-Demonstration in Soest, meint tatsächlich sein 140- bis 150-köpfiges Fußvolk, das mittags ganz überwiegend per Zug am Bahnhof der 50.000-Einwohner-Stadt eingetroffen ist.*

Es folgen zweieinhalb Lehrstunden dafür, was dieses neonazistische „anständige Deutschland“ zu sagen bzw. zu schreien hat: ein Loblied auf den Führer, Rassismus pur, die Forderung nach einem „Straßenkampf“, der bei offiziell angemeldeten Demonstrationen freilich nicht ganz praktisch umgesetzt, sondern nur verbal propagiert werden kann.

„Westdeutschland – Naziland“

„Alles für Volk, Rasse und Nation“ und „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ grölen die Neonazis, als sie vom Bahnhof in Richtung Innenstadt ziehen. Migranten am Straßenrand bekommen „Ali, Mehmet, Mustafa, geht zurück nach Ankara“ zu hören oder – knapper – die Forderung „Abschieben! Abschieben!“ Für Gegendemonstranten ist die Parole „Linkes Gezeter – neun Millimeter“ bestimmt oder ebenjene „Straßenkampf“-Phantasien. In der Gruppe der knapp 150 fühlen sie sich stark an diesem Tag. So stark, dass sie sich gar zu der Parole „Westdeutschland – Naziland“ versteigen, was schon ein beträchtliches Maß an Realitätsverleugnung voraussetzt.

Grüße von der Landes-NPD

Direkt nach Krolzig hat bei der Auftaktkundgebung ein Neonazi sprechen dürfen, der als „Aktivist“ aus Soest vorgestellt wird. Er baut in seine Rede ein Hitler-Zitat ein – was bei einem solchen Publikum stets gut ankommt. „Er hat Wort gehalten“, lobt der Soester Neonazi den Zitierten, ohne ihn beim Namen zu nennen. Ihm folgt als Redner Marcel Haliti. Er ist Kreisvorsitzender und Stadtratsmitglied der NPD in Essen. Eigentlich soll sich seine Partei fernhalten von solchen Neonazis, wie sie sich in Soest treffen, hat der neue Parteichef Holger Apfel dringend empfohlen. Apfel will, dass die NPD bei aller Radikalität doch auch „seriös“ erscheine.

„Quasselbude“ Parlament

Doch Haliti sagt, er überbringe die Grüße der Landes-NPD. Der Landesvorstand wünsche der Versammlung einen guten Verlauf und bringe „die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Zusammenarbeit aller konstruktiven nationalen Kräfte in NRW auch in Zukunft wieder stärker ausgebaut werden kann“. Im Übrigen lässt das Essener Ratsmitglied in ungebrochener NS-Tradition wissen, was er von Parlamenten eigentlich hält. „Quasselbuden“ seien das. So etwas gefällt auch jenen Neonazis, die ansonsten mit der Partei nicht viel am Hut haben.

„Wie Dreck vermehrt“

Ziel der durch Soest ziehenden Neonazis, zwischen denen mit dem Unnaer Hans-Jochen Voß noch ein zweiter NPD-Kreisvorsitzender mitläuft, ist die Thomästraße, wo die Hauptkundgebung stattfindet. Mit Sven Skoda und Axel Reitz lassen sich dort zunächst zwei Neonazis aus dem Rheinland für ihre Redebeiträge feiern – auch wenn sie verbal unter den Augen und Ohren der Polizei nicht ganz so können, wie sie vielleicht wollen. „Minusmenschen“ nennt Reitz beispielsweise jene, die seine politischen Ahnen noch als „Untermenschen“ titulierten. Der Wuppertaler „Kamerad“ Kevin Koch, der schließlich ans Mikrofon gerufen wird, bevorzugt Klartext. Die Zeit, da Ausländer in Deutschland noch „frei herumlaufen“ und sich „wie Dreck vermehren“ könnten, sei bald vorbei, brüllt er ins Mikrofon. „Ihr seid hier fremd, ihr seid hier unerwünscht“, schreit er – und: „Verschwindet, so lange ihr es noch könnt.“

Paulchen Panther

Wieder am Ausgangspunkt der Veranstaltung angekommen, eilen die Neonazis rasch zum Bahnsteig, wo ihr Zug wartet. „Heute ist nicht alle Tage – wir kommen wieder, keine Frage“, rufen einige von ihnen nach der Titelmelodie der „Paulchen Panther“-Serie. Man kann es als Solidarisierung verstehen: Motive der Serie und die Melodie haben die Rechtsterroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ für ihre Bekenner-Videos benutzt. (ts/rr)

* Frühere Berichte zum Thema:

https://nrwrex.wordpress.com/2012/02/10/so-demonstrativer-neonazi-%e2%80%9estrasenkampf-in-soest/

https://nrwrex.wordpress.com/2012/02/02/so-neonazis-kundigen-erneut-demonstration-an/

https://nrwrex.wordpress.com/2012/02/11/presseschau-150-neonazis-in-soest/

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