RE: „Pro NRW“-Reisegesellschaft macht Station in Herten

Posted on 18. September 2011 von


HERTEN – „Pro NRW“ hat am Samstag im Hertener Stadtteil Langenbochum demonstriert. Nach zwei Stunden war das Spektakel beendet.

Optisch wirken „pro NRW“-Demonstrationen nicht selten wie die Sightseeingtour eines zu groß geratenen Kegel- oder Gesangvereins. Ein Bus rollt in eine fremde Stadt. Die Passagiere strömen nach langer Anreise ins Freie, freuen sich, ein wenig die Beine vertreten zu können, laufen ein, zwei Stunden durch die Straßen (begleitet allerdings durch ein ungewöhnlich großes Polizeiaufgebot, was den Eindruck des Sightseeing etwas stört). Sind die überwiegend bürgerlich-normal wirkenden Besucher in jener Stadt an ihrem Ziel ihres Spaziergangs angekommen, steht der komfortable Reisebus bereit, nimmt die Gruppe auf und bringt sie sicher zurück nach Hause. Sind die – im konkreten Hertener Fall ungebetenen – Gäste weg, herrscht rasch wieder ruhiger Alltag auf den Straßen, als wäre nichts gewesen.

Der Eindruck einer ganz normalen Reisegruppe verflüchtigt sich allerdings, lauscht man den Reden, die auf dem Weg durch die Straßen gehalten werden: eine Mischung aus rechten Verfolgungs- und Omnipotenzfantasien, Migranten- und Islamfeindlichkeit, plattester populistischer Parolen und der Beschimpfung politischer Gegner.

Seriöser Stichwortgeber

Dabei haben selbst die Reden, die musikalisch von Marius Müller-Westernhagens „Freiheit“ eingeleitet werden, noch eine unfreiwillig humoreske Seite: wenn zum Beispiel an diesem Tag in Herten ausgerechnet dem Kölner Stadtrat und stellvertretenden „pro NRW“-Vorsitzenden Jörg Uckermann – im vorigen Jahr vom Amtsgericht Köln wegen Körperverletzung verurteilt und aktuell wegen Betruges, Urkundenfälschung, Geldwäsche und Begünstigung einer Straftat angeklagt – die Aufgabe übertragen wird, auf dem Demonstrationszug die Anwohner per Lautsprecher über die angebliche Seriosität der selbst ernannten „Bürgerbewegung“ aufzuklären.

Ihm also fällt in Herten die Aufgabe zu, „pro NRW“ zur „Partei für Rechtsstaat und Demokratie“ und zu „einer demokratischen, einer rechtsstaatlichen Alternative“ zu verklären. Uckermann kann aber auch anders – weniger harmlos. Da wird bei ihm der Islam zur „fremdartigen Religion“, während er sich doch eine „Religionsform, die nach deutscher Art sich entwickelt“, wünscht. Was die Religion „deutsche Art“ konkret ist, verrät der Kämpfer gegen die „Überfremdung“ leider nicht. Statt dessen lässt er wissen, „Multikulti“ bedeute „Entwurzelung und null Identität, Chaos“, und umgekehrt: „Integration heißt anpassen.“ Dem Kölner an sich ist nicht nur in Karnevalszeiten das Reimen nicht fremd; bei rechtspopulistischen Kölnern wie Uckermann klingt das dann so: „Bessere Luft statt Anatolienduft!“

Deutsche Städte

Wie sein Stellvertreter Uckermann vorgelegt hat, macht der Parteivorsitzende Markus Beisicht weiter: „Herten war eine deutsche Stadt, Herten ist eine deutsche Stadt, und Herten wird auch in 50 Jahren noch eine deutsche Stadt sein“, schreit er unterwegs bei einer Zwischenkundgebung ins Mikrofon und verrät nebenbei auch einiges über seine Ernährungsgewohnheiten: „Ich sage Ihnen: Wir haben vor 50 Jahren in Herten Schweinefleisch gegessen. Wir werden auch zukünftig Schweinefleisch essen.“ Sein Fußvolk johlt. „Wir lassen uns auch nicht aus Herten vertreiben“, donnert Beisicht weiter und lässt dabei offen, ob mit dem „Wir“ etwa seine angebliche „Bürgerbewegung“ gemeint sein könnte, die in der Stadt – abgesehen von der Stippvisite seiner Reisegruppe am Samstag – noch nicht einmal wirklich angekommen ist.

Im Veranstaltungsbericht eines „pro NRW“-Kreisverbandes wird später davon die Rede sein, der Demo hätten sich „auch sehr viele kritische Einheimische angeschlossen“. Eine Sichtweise, die man bei der „Bürgerbewegung“ sehr exklusiv hat, weil sie schlicht erfunden ist. Immerhin: „Pro NRW“ verfügt inzwischen über zwei Transparente mit lokalem Bezug. Getragen werden sie aber unter anderem von einem Bediensteten der Leverkusener „pro NRW“-Fraktion aus Ennepetal und seiner Lebensgefährtin aus Wuppertal, die zugleich dem Parteivorstand angehört.

Im Ruhrgebiet habe die „Bürgerbewegung“ einen ihrer Schwerpunkte, behauptet „pro NRW“-Generalsekretär Markus Wiener gleichwohl bei der Abschlusskundgebung. Das ist eine jener „pro“-typischen Übertreibungen, die den „General“ in der Vergangenheit bei anderen Veranstaltungen auch dazu brachten, die (behauptete) Teilnehmerzahl von Demonstrationen locker mehr als zu verdreifachen. Uckermann beherrscht die Kunst der Übertreibung ebenfalls. So wenn er davon spricht, dass „pro NRW“ in Dortmund – im Plural – „Stadträte“ aufzuweisen habe. Tatsächlich gibt es in der größten Ruhrgebietsstadt nur einen Stadtvertreter, der noch dazu auf dem Ticket der DVU in den Rat einzog und erst nach der Wahl die Partei wechselte.

„Wir sind das Volk!“

Solche Details sind freilich kein Thema für einen veritablen Parteivorsitzenden. Beisichts Reden sind für Beobachter auf eine beinahe schon ermüdende Art und Weise langweilig. Man kennt die Satzbausteine, die er immer wieder verwendet. Seine Sentenzen über jene Ausländer, die ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland „verwirkt“ haben; die Titulierung von Gegendemonstranten als die „letzten Erben von Stalin und Honecker“; sein Lob an die „pro“-Anhängerschaft, die mit der Teilnahme an der Demonstration den „Islamisten“ getrotzt habe. Zuverlässig laufen seine Reden auf zwei Parolen hinaus, die von seinen Fans – je nach Tagesform mehr oder weniger lautstark – in Sprechchören wiederholt werden. „Freiheit statt Islam!“ ist die eine; „Wir sind das Volk!“ die andere.

So auch in Herten-Langenbochum an diesem Samstag. „Wir sind das Volk!“, rufen Beisichts Fans, die in dem Leverkusener Rechtsanwalt allen Ernstes den charismatischen Anführer einer rechtspopulistischen Partei erkennen wollen. Ein wenig absurd wirkt es schon, betrachtet man die Truppe, die nach Herten gekommen ist: Beisichts „Volk“ ist ziemlich genau 90 Köpfe stark. Angekündigt waren „Hunderte islamisierungskritische Demonstranten“. Gekommen sind erkennbar zu wenig, um die Republik oder wenigstens die Stadt oder wenigstens einen Stadtteil umzukrempeln.

„Pro NRW“ stagniert

Und nicht nur das. Vor etwas mehr als einem Jahr reisten zu einer „pro NRW“-Veranstaltung aus einem ganz ähnlichen Anlass in Dortmund-Hörde rund 100 Teilnehmer an. Wachstum, zumal fulminantes oder phänomenales, um zwei Vokabeln zu bemühen, die man bei der angeblichen „Bürgerbewegung“ gerne verwendet, sieht etwas anders aus. Polemiker würden eher sagen: „Pro NRW schafft sich ab.“ Unpolemisch ausgedrückt: „Pro NRW“ stagniert auf niedrigem Niveau. (rr)

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