DO: Ernüchterung nach braunem Antikriegstag

Posted on 5. September 2010 von


Dortmund – Nach dem „Nationalen Antikriegstag“ in Dortmund setzt in Neonazikreisen die Ernüchterung ein. Nur 466 Neonazis hatten an der erlaubten Kundgebung am Dortmunder Hafen teilgenommen – deutlich weniger, als von den Organisatoren erhofft. Ein großer Teil der „Kameraden“ verließ die Veranstaltung zudem vorzeitig. Weitere 500 Neonazis waren bei dem Versuch, unangemeldet durch die Stadt zu ziehen, von der Polizei gestoppt worden.*

„Es ist echt übel gewesen“, resümiert in einem Forum der Szene einer der Teilnehmer an der Kundgebung. In Dortmund zeichne sich „das gleiche wie in Dresden ab. Es ist kaum noch möglich nationale Großveranstaltungen entsprechend gut geplant durchzuführen“. Ohne dieser Einschätzung zu widersprechen, stellt sich ein „Autonomer Nationalist“ aus dem Ruhrgebiet in dem Forum die Frage, wie man künftig verfahren solle: „In Dortmund aufgeben, wäre eine klare Niederlage gegenüber der Polizei. Weiterdemonstrieren, das würde das gesamte Mobilisierungspotenzial zerstören und einen guten Gruppenruf auf Dauer zerstören.“

Ein dritter Autor empört sich über jene „Kameraden“, die lange vor dem Ende den Kundgebungsort am Dortmunder Hafen verlassen hatten. „Das war meiner Meinung nach nicht nur Respektlos der Veranstaltung, sondern auch den Veranstaltern gegenüber.“ Ob das jetzt immer so gemacht werde, fragt er sich: „Wenn einem was nicht gefällt oder es nicht so von statten geht wie mans gerne hätte, einfach die Fahnen am Baum zu stellen oder gar einfach auf den Boden zu legen und geht?“

Mit einem längeren Text zum Thema meldeten sich bereits Neonazis aus Unna zu Wort. Erfreulicherweise hätten an diesem Tag in Dortmund mehrere „Spontandemonstrationen“ stattgefunden. „Wenigstens der Großteil der Nationalisten ließ sich diesmal nicht wie ein Stück Vieh zusammentreiben.“ Genau diese Form des Aktionismus müsse Grundsatz werden. Damit raten sie zu einer Abkehr vom bisherigen Konzept des „Nationalen Antikriegstags“ in Dortmund: „Man sollte darüber nachdenken, ob es nicht besser wäre, wenn man zu einem Thema gleich mehrere im Verhältnis kleinere Demonstrationen bundesweit und zeitgleich stattfinden lässt.“

Als Vorbild, bei den Neonazis aus Unna wenig überraschend, empfehlen sie NSDAP und SA: „So marschierten auch unsere Ahnen in Gruppen von teils nur 20 Mann, aber dies passierte wöchentlich und in vielen Städten gleichzeitig.“ So etwas könne die „Staatsmacht“ nicht verhindern. „Und der Effekt auf die Bevölkerung ist weitaus größer und die Informationen dringen durch weitaus mehrere Fenster.“ Die deutsche Geschichte habe gezeigt, „dass diese Form durchaus staatsstürzende Züge haben kann“.

Doch auch ein solches, an die SA angelehntes Konzept stößt in den ersten Diskussionen der Szene nach dem Samstag in Dortmund keinesfalls auf ungeteilte Begeisterung: Der „Nationale Antikriegstag“ könnte das gleiche Schicksal „erleiden“ wie das Heß-Gedenken – einst das Highlight im Terminkalender der Neonazis, inzwischen nur noch Anlass für mehr oder weniger belanglose Kleinaktionen.

Die ersten Reaktionen auf der extremen Rechten nach dem missratenen Aufmarschversuch in Dortmund: eine Mischung aus Ratlosigkeit und Katzenjammer. (ts)

* Ein ausführlicher Bericht über die Neonazi-Aktivitäten zum „Nationalen Antikriegstag“ in Dortmund am Freitag und Samstag folgt hier am Montagvormittag.

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