Nebenbei: Zu viel Goebbels gehört

Posted on 13. September 2009 von


Bielefeld – Der übermäßige „Genuss“ von Goebbels-Reden per Schellack-Platte oder DVD kann sogar für Neonazis schädlich sein. Zu leicht verliert der „Kamerad“ auch noch den letzten Bezug zur Realität.

Ein mit knapp einwöchiger Verzögerung publizierter „Einsatzbericht“ ostwestfälischer Neonazis über eine „Spontandemonstration“, veröffentlicht unter der Überschrift „Bielefeld bleibt deutsch!“, liefert dafür einen weiteren Beleg. „Kurz- aber festentschlossen“, so ist dort zu lesen, hätten „nahezu 75 Kameraden“ am 5. September „mit wehenden Fahnen, ausdrucksvollen Transparenten und lautstarken Megaphonen“ die Straßen um den Bielefelder Hauptbahnhof gestürmt. „Die Fahnen, Transparente und Megaphone sorgten dafür, daß die Vertreter der ewig jungen, einzigen deutschen Freiheitsbewegung von den Volksgenossen, ebenso wie von unseres Volkes Feinden und Schädlingen, gesehen und gehört werden musste!“, tönen die Epigonen des Reichsministers für Propaganda.

Zwar hätten sich „manche Volksgeschwister“ zunächst „ein wenig irritiert oder verwirrt“ gezeigt, wird eingeräumt. „Doch gleich kam die Erleuchtung: ,Nazis! Die Nazis sind in  der Stadt!’. Keinen ließ dieser herrliche Anblick kalt.“ Ein „leises Bejahen, der kurze Applaus, das tiefgründige Lächeln“ – die Autoren nehmen es als Bestätigung. Und umgekehrt: „Die vielen das Stadtbild beherrschenden Ansammlungen fremder Massen und Banden wagten kaum zu husten. Angst erfüllte ihre erschrockenen Gesichter. Das große Maul war vorübergehend gestopft, und so mancher wird sich nun in Zukunft wieder ein wenig mehr in Zurückhaltung üben.“

Nach dem Einmarsch in die Bielefelder City gab’s einen „plötzlichen Linksschwenk“ in einen der „großen Konsumtempel“, dessen Religionszugehörigkeit Goebbels immerhin noch verraten hätte, der der Leserschaft sieben Jahrzehnte später aber verschwiegen wird. „Auch dort wurde marschiert, skandiert und Fahnen geschwungen.“ Zurück blieb „eine Menge berührter und gestärkter Volksgeschwister“, halluziniert der Autor.
Was wirklich geschehen war? Neonazis, die vor einer Woche per Bahn auf der Rückreise von der „Antikriegstags“-Veranstaltung Dortmunder Rechts-„Autonomer“ waren, hatten einen etwas mehr als viertelstündigen Aufenthalt in Bielefeld, ehe sie in einen anderen Zug stiegen. Und diese wenigen Minuten nutzten sie für einen kurzen Zug durch die Gemeinde – genauer: durch die Gegend rund um den Bielefelder Bahnhof, der ihnen in ihrem „Einsatzbericht“ nun zum Vorbild einer „nationalen Erhebung“ wird.

Darf man über Neonazis lachen? Manchmal ist das zwingend. (js)

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